Eigentlich sollten wir am Sonntag nicht in den Gottesdienst gehen, meinte Vivian in einem mail - aber da waren Blanca und ich schon unterwegs. Warum wir nicht gehen sollten, das hatte uns am Sonntagmorgen bereits ein freundlicher "Hermano" de la Iglesia Metodista Pentecostal de Chile erklärt: Heute sei der Tag del Joven Combatiente, des "jungen Kämpfers", zur Erinnerung an die Gebrüder Toledo Vergara, die in den Protesttagen 1985 gegen das Pinochetregime umgebracht wurden - und an diesem Tag gäbe es immer Unruhen, wenn nicht im Zentrum, so doch zumindest in den Poblaciones, den bescheidenen Wohnquartieren um Santiago - um es einmal vorsichtig auszudrücken.
Also so ausführlich hat er es nicht erklärt, aber Quintessenz: Der Gottesdienst beginne gut zwei Stunden vorher um 16:00 statt 18:30 Uhr.
In der Statdt war es ruhig. Sonntagsstimmung als wir kurz vor 16:00 Uhr vor dem grössten evangelischen Kirchengebäude Chiles, der Caterdral Evangelica standen.
Dieses ist die grösste und älteste Pfingstkirche Chiles, entstanden aus den "erweckten" Gemeindegliedern der Iglesia Metodista in Valaparaiso. Die "Erweckung" markiert den Beginn der Pfingstbewegung in Chile 1909 und gleichzeitig den Beginn eines eigenständigen Kirchenmodells in Chile neben der römisch katholischen Kirche, den (us-amerikanischen) Missionskirchen und den Einwandererkirchen. (Zur Geschichte der Pfingstbewegung vgl mein Buch: Karl F. Appl, Die Geschichte der evangelischen Kirchen in Chile, Erlanger Verlag für Mission und Oekumene, 2006, S. 165 ff).)
Leider war von den 100 Jahren, die in diesem Jahr gefeiert werden soll(t)en nicht so viel zu merken. Na - vielleicht doch: ein Drittel der Kirche war abgesperrt: Baustelle: Wir erweitern unsere Kirche. Dann werden wohl noch ein tausend Menschen mehr in der Kirche Platz haben.
Am Sonntag waren nicht so viele im Gottesdienst. Ich schätze ca 1500 bis 2000 Gottesdienstbesucherinnen und -besucher. Ich war etwas enttäuscht. Die Platzanweiserinnen in ihren weissblauen Uniformen und dem schicken Käppi, die mich bei meinem letzten Besuch an Stewardessen erinnerten, hatten zu Beginn des Gottesdienstes nichts zu tun. Jeder suchte sich selber seinen Platz, und das obwohl - wie erwähnt - ein Teil des Platzes in der Kirche nicht zur Vefügung stand.
Ob es wirklich der "Dia del Joven combatiente" war, oder das Fussballspiel Peru gegen Chile in Lima, das um 19:00 anfing, welches schlussendlich den Ausschlag für den "schlechten" Gottesdienstbesuch gab weiss ich nicht. (Das Spiel endete 1:3 und bei den Unruhen gab es mindestens ein schwer verletztes Kind und mehrer Verhaftungen).
Vielleicht sind es ja auch die Spannung in der IMPCH selber, welche dazu führen, dass weniger Frauen und Männer im Gottesdienst sind. Ueber diese Spannungen hoffe ich noch mehr zu erfahren. Alles hält sich einfach bedeckt.
Der Gottedienst begann dann ziemlich pünktlich um 16:00 Uhr, obwohl die letzten Besucher noch gegen 17:30 kamen, und endete um 18:00 Uhr.
Auffällig war für mich, dass der "Kleiderzwang", der lange in der (den) Pfingstkirchen herrrschte, auch in der Methodisitschen Pfingstkirche aufgehoben wurde. Zumindest die Frauen kamen lange nicht alle in weissen Blusen und dunklem, halblangen Rock. Die Männer hingegen haben die Kleiderformalitäten weitaus mehr eingehalten und nicht nur die 11 oder 12, die Obispo Eduardo Duran Castro an diesem Tag begleiten und den Platz vorne auf der "Bühne" einnehmen durrften. Anteil Frauen/Männer in der Gemeinde = ausgeglichen. Viele Männer, die allein ein der Kirche waren. Ich hatte nicht ganz den guten Sichtwinkel, vielleicht waren sogar mehr Männer als Frauen in der Kirche. DAs Pfingstelement kam im Gloria a Dios, den erhobenen Händen und dem Gebet, in dem jede(r) laut für sich betet durchaus zum tragen, und da waren auch ein paar wenige, die während der Lieder tanzten.
Die Lieder (aus einem eigenen Liederbuch und im Rhytmus der "Schlager"des Beginns des vergangenen Jahrhunderts wurden von Gitarren, Mandolinen, Geigen und Schifferklavieren begleitet, zudem sang der Coro Polifonico (Kirchenchor). Ich schätze Chor und Gruppe auf 150 bis 200 Personen.
Die machten den Anfang, danach ein gemeinsames Gebet (knieend), ein gemeinsames Lied , Hinweise auf das Gemeindeleben - bis zu dem Moment, wo um Blutspende gebeten wurde, und die (erste) Kollekte, wiederum vom Chor begleitet - und hier kamen die "Stewardessen" zum Einsatz, und reichten den Klingelbeutel von Bank zu Bank.
Nach einem Lied kam dann unter dem Hinweis auf die "Hundert Jahre": eine Powerpointshow auf einer für die riesige Kirche viel zu kleinen Leinwand über den Beginn der Pfingstbewegung in den USA und Norwegen.
Bibellesung (alle stehen auf) und dann Predigt von Opispo Duran über den Glauben des römischen Hauptmanns.
Die Predigt war biblisch fundiert, durchzogen von eigenen Erlebnissen oder Erlebnissen von Geschwistern, sehr lebensnah und nur 40 Minuten lang.
Aber wir waren ja bereits vorgewarnt, der Gottesdienst wäre heute speziell, dazu gehörte wohl auch die Kürze.
Zwischenspiel: eine martiale Fassung mit viel Trommelwirbel von Luthers "Ein feste Burg ist unser Gott" und die zweite Kollekte. Diesmal von Männern mit noch viel grösserem Klingelbeutel eingesammelt, begleitet von Rufen: Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.
Es folgte das "Fürbittengebet", auch hier wieder die laut gebete Fürbitte und das Gemurmel derer, die ihre eigenen Gebete beteten. Ein Lied und noch einmal die Stewardessen mit dem Klingelbeutel. Danach ein ausführlicher Schlussegen und um 18:00 Uhr standen wir auf der Strasse, nicht ohne zuvor als Spende für den Bau noch einen Miniaturhelm als Schlüsselanhänger und Flaschennöffner! gekauft zu haben.
Nicht dass ich sagen würde, er habe mir ausserordentlich gefallen, dieser Gd, aber er war mir doch irgendwie viel vertrauter, als das Neopentecostale. Den Liedern hat etwas der Pfiff gefehlt, und es waren auch nicht so viele junge Menschen im Gottesdienst.
Dafür war hier noch etwas von dem zu erahnen, was die Pfingstbewegung am Anfang ausgemacht hat: hier sind alle herzlich willkommen, gleich ob arm oder reich, ob klein(wüchsig) oder gross, ob mit oder ohne Arbeit, ob Arbeiter oder Kofferträger, ob arbeitsloser oder Hausangestellte. Man sah den Gesichtern zum Teil an wieviel Leid und Entbehrung dieses Menschen in ihrem Leben (schon) getragen haben - und hier in der Kirche, hier sind sie zu hause, werden sie begrüsst, als Bruder und Schwester wahr genommen. Hier verspricht ein riesiges Bild: Der Herr ist dein Hirte. Und wenn es mir auch draussen vor der Tür mangelt, an vielem, hier ist warm, oder kühl, hier ist gut sein.
Wieviele (noch) mit diesem Gefühl in die Iglesia Metodista Pentecostal kommen, wieviel mit diesem Gefühl der Sicherheit im Gottesdiesnt waren weiss ich nicht. Die Website www.jotabeche.cl strahlt anders aus als die Anfänge. Aber bei den meisten von denen, die am Sonntag im Gottesdienst waren, steht das (aufrichtende) Wort des Predigers, das Wort Gottes im Mittelpunkt, dass das von Rufen, ja von Tanz und bei manchem mit Begeiterung aufgenommenwird, das ist Teil ihrer Kultur als Pfingstkirche.
Der Gottesdienst kann übrigens angesehen werden unter http://www.jotabeche40tv.com/ Gottesdienst vom 28. März













