Mittwoch, 29. April 2009

20. vs 21. Jahrhundert und die Herausforderungen für die Kirchen in Europa

das war das Thema, zu dem Reinaldo Tan vom Centro de Investigaciones socio culturales CISOC - Bellarmino mit mir diskutieren wollte. Etwas zögerlich hatte ich zugesagt und ohne recht zu wissen, auf was ich mich da einlassen würde, denn schlussendlich sassen wir gestern im Büro von CISOC, das mitten im Zentrum Santiagos in der Jesuitischen Universität Alberto Hurtado untergebracht ist, und um den Tisch war das ganze CISOC Team angefangen beim Godfather der chilensichen Religionssoziologie Padre Renato Poblete bis zum baptisitschen Polizeipfarrer der KRIPO versammelt war.
Es war nicht ein gross ausgearbeitere Vortrag den ich da ablieferte, aber in der Vorbereitung wurden mir doch ein paar Themen und Herausforderungen für unsere Kirchen - fast weltweit zumindest aber für Mitteleuropa und die Schweiz - bewusster. Themen, über die in den einen Kirchen mehr in den anderen weniger gearbeitet wird, die aber in ihrer Tragweite viel breiter bewusst gemacht werden müssten.
Ausgangspunkt war, dass das beginnende 21. Jahrhundert ganz anders ist als das ausgehende 20. Jahrhundert. Das lässt sich meiner Meinung nach an (mindestens) 12 Punkten festmachen:
1. Glasnost, Perestroika, der Fall der Berliner Mauer und die Oeffung des "Eisernen Vorhangs" haben nach dem Ende der UdSSR Europa nachhaltig verändert
2. Der gemeinsame Markt und der Euro veränderten Europa, aber brachten nicht die Ungleichheit in Europa zum verschwinden und das Kapital sucht innerhalb der europäischen Grenzen die Länder, in denen sich mit biliger Arbeit das meiste Geld verdienen lässt (Beisp. Nokia verschiebt die Produktion von Deutschland nach Ungarn)
3. Die zunehmende Globalisierung geht auch an Europa nicht spurlos vorbei, auch nicht die globale Krise. Europa ist nun wirklich Teil der ganzen Welt
4. Eine Auswirkung der Globalisierung sind die Flüchtlingsströme die an die Küsten Europas, vor allem Italien und Spanien, aber auch in die Schweiz und nach Deutschland gespült werden, und in einigen Ländern macht sich eine Festungsmentalität breit, in der die Asylsuchenden weggesperrt oder weitergereicht werden.
5. Die zunehmende Militärisierung Europas ist bis ins tägliche Leben spürbar: deutsche, englische, französische, polnische Soldaten kämpfen in Irak, Afghanistan, Pakistan, Somalia und im Kongo. Deutschland, in dem nach 1945 im übertriebenen Sinn selbst das Brotmesser verboten war, ist zu einem der wichtigsten Waffenlieferanten der Welt "aufgestiegen" und die Denkmäler für die Gefallenen der beiden Weltkriege, die für lange Zeit eher ein "folkloristisches Ueberbleibsel" einer längst vergangen Zeit zu sein schienen, bekommen neue Tafeln mit den Namen der "Gefallenen" im Kampf gegen den Terrorismus.
6. Die Auswirkungen der '68ziger sind besonders in den Kirchen spürbar. Die Hippies und "Revolutionäre" sind in die Jahre gekommen unn ruhiger geworden, der laute Protest gegen Hierachie und Kirche ist ganz leise geworden, abgestimmt wird mit den Füssen, bzw nun endgültig mit dem Kugelschreiber: "Hiermit trete ich aus der Kirche aus" - und es sind nicht nur die "alten", sondern ihre inzwischen erwachsenen Kinder, die erst gar nicht zur Kirche gekommen sind und konsequenterweise auch ihre Kinder nicht schicken. Es fehlt in den Kirchen eine Generation von denen, die am lebendigsten, am kritischsten und am kreativsten waren, bzw. sind. Atheismus und Agnostizismus werden in unseren Gesellschaften immer deutlicher.
7. Dazu kommt der Islam als Herausforderung für Religion/Kirche und Gesellschaft. Es gilt den Dialog zu fördern und gleichzeitig zu fragen, wo sind die Grenzen dieses Dialogs. Dem aber fehlt auf islamischer Seite oft das Gegenüber und in unserer toleranten (oder indifferenten?) Gesellschaft der Wille.
8. In Europa lässt sich in einigen Gebieten ein Ansteigen des Nationalismus feststellen, der dann gefährlich wird, wenn er gepaart wird mit dem Gefühl dass "wir" besser sind und mehr Rechte haben als die anderen: ein explosives Gemisch besonders in Zeiten erhöhter Arbeitslosigkeit.
9. Die Schere zwischen arm und reich geht auch in Europa immer weiter auf, vielleicht in der Schweiz nicht so spürbar sehr wohl aber z.B. in Deutschland und in England.
10. Das Selbstbild der Geschlechter, die Rolle der Frau, die Rolle des Mannes haben sich in den letzten 30/40 Jahren grundlegend verändert, mit der (den) neuen Rolle der Frau hat sich auch die des Mannes geändert und nicht wenige Männer sind verunsichert, wo ihre Aufgabe ist.
Hinzu kommt, dass Bild und Rolle der Ehe und der ehelichen Gemeischaft und Familie sich verändert haben, was wiederum ein stückweit auch die Grundlagen der Gesellchaft verändert.
11. Das Wachstum oder das Eindringen neuer Formen der Spiritualität in die Gesellschaft (und in die Kirche) verändert Bild und Rolle derselben. Welche Formen (yoga, reiki, zen) können wir aufnehmen, wo sind Grenzen?
12. Die Entwicklung der multikulturellen Gesellschaft verändert auch die Rolle der Kirche(n), was dahin führen kann, bzw. schon dahin führte, dass die Kirchen, die lange Zeit eine Mehrheit in der Gesellschaft bildeten und das tägliche Leben bis hin zur Politik bestimmten, nun zu Minoritätskirchen wurden bzw. werden könnten und zum Teil bereits in einer Diaspora-situation leben müssen.

Soweit ungeordnet die 12 Punkte und an jeden kann man die Frage anschliessen: Was heisst das für unsere Kirche? Wobei ich klar unterstrich, dass es hier nicht um eine Unterscheidung von evangelischer(n) oder oder katholischer Kirche gehen kann. Es sind Themen, die uns als Christen und als christliche Gemeinschaft, die in verschiedenen Kirchen organisiert sind betreffen, und wo es nötig ist, wenn nicht letztgültige Antworten - die gibt es innerhalb einer dynamischen Gesellschaft und einer gesellschaftlichen Dynamik nicht - so doch vorläufige Antworten und Richtungen zu finden, damit die Zukunft des Erdballs , die Zukunft in einer Schöpfung, die für alle gedacht ist und in der für alle Menschen Platz ist, ermöglicht werden kann.

Dienstag, 28. April 2009

Sonntag und Kirchgang VII A (und was der mit Migros und Coop zu tun hat)


Dr. Daniel Godoy, Rektor der CTE


denn es war der Montagabend, auf den das Direktorium der Evangelisch Theologischen Gemeinschaft (CTE) zum Eröffnungsgottesdienst des neuen akademischen Jahres der Evangelischen Fakultät in Santiago eingeladen hatte.
Auf dem Programm stand auch die "Clase Magistral" des neuen Rektors, Dr. Daniel Godoy.
Bischof Neftali Aravena hatte in die 1. Methodisten-Kirche im Stadtzentrum eingeladen.
Das Stadtviertel ist heute nicht mehr das beste. Es ist in die Jahre und auch etwas heruntergekommen. Aber als die Methodisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Santiago kamen, war diese Lage in der Nähe des Hauptbahnhofs eine sehr gute Lage für die Kirche, und sie war damals auch sicher jeden Sonntag voll. Ich studiere im Moment in der Nationalbibliothek das Mitteilungsblatt der Methodistischen Kirche in Chile und da kann man 1903/04 von 400 und mehr Gottesdiesntbesuchern lesen.
Doch zurück zum Eröffnungsgottesdienst. 400 waren nicht da, doch gut 60. Es war fast ein Familientreffen, ganz viele bekannte Gesichter, sicher auch ein paar neue, doch die bekannten waren in der Ueberzahl, Hellmut Gnadt, ehemaliger Rektro der CTE war da, viele ehemaligen Profesoren, wie Arturo Chacon, Manuel Ossa oder Dr. Jorge Cardenas. Bischöfe von andern Kirchen waren anwesend udn Juan Albornoz. Ein schlichter Gottesdienst in dem das Wort im Mittelpunkt stand. Daniel Godoy (und seine Frau Cecilia)

Raquel Riquelme und Cecilia

wurde für sein Amt gesegnet

Die Segnung, rechts: Bischof Neftali Aravena

und trat dann an das Rednerpult, um geschickt Predigt und Clase magistral zu verknüpfen.
Grundlage war der 1. Petrusbiref, 1. Kapitel:
"1 Diesen Brief schreibt Petrus, den Jesus Christus zu seinem Apostel berufen hat, an alle Christen, die als Fremde überall in den Provinzen Pontus, Galatien, Kappadozien, Asia und Bithynien mitten unter Menschen leben, die nicht an Christus glauben.

2 a]">[a]Ihr seid Gottes Kinder geworden, weil Gott, unser Vater, euch von Anfang an dazu auserwählt hat. Durch die Kraft des Heiligen Geistes könnt ihr jetzt Jesus Christus als euren Herrn anerkennen, weil er am Kreuz sein Blut für euch vergossen und euch von eurer Schuld befreit hat. Gott schenke euch immer mehr seine Gnade und seinen Frieden."

In einer spannenden Auslegung kam er auf die verschiedenen "Typen" von Fremden im frühchristlichen Umfeld zu reden und darauf wie man in Chile, ja überall in de Welt mit Femden umgeht, ob man ihnen wirklich eine "Parochia", ein Haus für die die kein Haus haben, anbietet?, um dann über die christliche Solidaridät hin zur Solidarität mit der nachfolgenden Generation zu reden kam und so eine Lanze dafür brach, was wir in Europa unter "Bewahrung der Schöpfung" diskutieren - und manchmal auch tun.

Themen die von grösster Brisanz in Chile sind: da ist zum einen die (illegale) Einwanderung von Hunderten von Peruanern, so dass ich erst gestern wieder im Taxi hören musste: "Die Peruaner nehmen uns die Arbeit weg" - Kenne ich doch irgendwo her? und die Katastrophe im Süden mit de Salmonera, also den Lachszuchten die nicht zuletzt aufgrund der hochgradigsten Wasserverschmutzung ihre Pforten schliessen (müssen) und in den nächsten Wochen bis zu 10.000 (in Worten: zehntausend) Menschen entlassen werden.

Wohin, wenn es keine Arbeitsplätze gibt und die einzige Einnahmequelle der Fisch war, den der Grossvater noch mit dem Netz vom Boot auswerfend aus dem Meer gezogen hat. Man dachte es mit den Lachszuchten einfacher zu haben, und die Zuchtfabriken versprachen das Blaue vom Himmel herunter. Aber es kamen immer mehr "Fischfabriken", Zuchtlachs wurde so billig, dass der bei Migros-Budget, bzw COOP Grand Prix im Sonderangbot zu bekommen war - und nun ist das Wasser so trüb und schlecht, dass Fischzucht sich im Süden Chiles kaum mehr rentiert.

Was die Predigt, oder der Vortrag ausgelöst hat, konnte ich gestern nicht mehr erruieren. Der Abschluss an die Eröffnungszeremonie im Gemeinschaftsraum (Keller) der Kirche war eher geprägt von Händeschütteln, Gratulationen und vielen Fotos.

Ich hoffe, die Botschaft wurde gehört und der neue Chef, hilft der Theologischen Fakultät wieder zu einem klaren theologischen und damit auch "politischen" Profil, das sie in den siebziger und achtziger und zum Teil noch zu Beginn der neunziger Jahre hatte, denn ein klares christlich-biblisch fundiertes Statement zu den Problemen des Alltags tut nicht selten Not - nicht nur in Chile.


Sonntag, 26. April 2009

Sonntag und Kirchgang VII


Heute mussten wir nicht zur Kirche laufen, auch nciht mir öffentlichen Verkehrsmitteln los. Heute wurden wir abgeholt. Nein - nicht so feudal wie letzte Woche als der Fahrer des evangelischen Militärgeistlichen vor der Türe stand, um mich zu einer Unterhaltung mit ihm abzuholen.
Heute war es Lucy, eine der guten Seelen der lutherischen "Versöhnungsgemeinde", die gegen 10:00 Uhr wartete, um uns zum Gottesdienst abzuholen.
Ich hatte sie darum gebeten, weil die Fahrt mit Metro und Bus bis zur Kirche "El Buen Samaritano" in Las Condes doch einiges an Zeit kostet - und immerhin hatte ich für heute den Gottesdienst übernommen.
Enno Haaks, der Pfarrer der Gemeinde weilte auf einem Treffen aller deutscher Gemeindepfarrer, die in Lateinamerika arbeiten, in Kolumbien, und da bei Nicht-Anwesenehit des Pfarrers die Gemeindeglieder den Gottesdienst übernehmen müsen wurde ich angefragt, zumal die Gruppe im Mai zwei Gottesdiesnte vorbereiten muss - und danach kommt dann u.U. eine Vakanz, das heisst es ist gar kein Pfarrer da, und dann wird es nochmals schwieriger.
Mit der Versöhnugnsgemeinde verbindet mich ein stückweit meine eigenen Geschichte und von ihr war in diesem Blog schon mehrfach die Rede.
Heute also seit Wochen wieder einmal in anderer Funktion im Gottesdienst. Ich konnte ihn natürlich nicht so schön lutherisch-katholisch gestalten wie Enno, aber zumindest die wenigen Schweizer, die im Gottesdienst waren, haben es sehr geschätzt wieder einmal einen einfachen reformierten Gottesdienst, wortbezogen und mit der Predigt im Mittelpunkt zu hören, während mich nach dem Gottesdienst eine Frau und ein Mann ansprachen, ob denn in der Schweiz im evang. Gottesdienst nicht jeden Sonntag das Abendmahl gefeiert würde. Das hätten sie heute vermisst.
Noch eine Bemerkung zum Gottesdienstbesuch: Ich hatte damit gerechnet, wenn ein fremder Pfarrer da ist, werden nicht so viele Besucher kommen und um 10 Minuten vor 11 Uhr waren auch nur 5 da. Es hat sich in der Gemeinde alelrdings eingebürgert, dass der Gottesdienst zwar um 11 Uhr beginnt, aber das ist die Zeit zur Begrüssung. So richtig fängt er erst gegen 11:10 Uhr an und da dann aber doch 30 Erwachsenen da und 13 Kinder, die nach einem gemeinsamen Anfang in den Kindergottesdiesnt gingen, um dort die Geschcihte vom guten Hirten zu hören und zu basteln.
Total waren zwischen Deutschen, Schweizern, Chilenen, Männern, Frauen und Kindern, evangelischen und katholischen Menschen (obwohl nicht als ökumenisch ausgeschreiben) ca. 15% !! der Gemeindeglieder im Gottesdienst.
Anschliessend hatte ich noch ein ziemlich langes Gespräch mit dem Präsidenten der Kirchgemeinde, in dem es unter Anderem um die Frage ging: Wie gehen wir als Christen mit Menschen um, die in ihrer Aufgabe in der Gemeinde straffällig werden? (Was kann man selbst regeln - wo muss die Justiz eingeschaltet werden. Ein höchst spannendes Thema), und mit einem schweizer Ehepaar, ehemalige Lehrer an der Schweizer Schule in Santiago über Gottesdienstformen und wie man als Kind diesbezüglich geprägt wird.
Auch auf diesem Hintergrund finde ich es sehr schön, dass so viele Kinder in den Gottesdienst kommen - die meisten mit sogar mit Begeisterung, und sei es, weil der Vater ihnen vesprochen hat:"Nach der Kirche gehen wir zusammen auf den Spielplatz."
Auch das kann ja Gottesdienst - Dienst im Sinne Gottes - sein.

Freitag, 24. April 2009

Religionsunterricht in Chile

Die evangelische Schule "El Manantial de Gracia" in San Miguel, Santiago de Chile

ist Pflichtfach innerhalb des normalen Stundenplans und das, obwohl Staat und Kirche seit 1925 getrennt sind. Religionsunterricht wird erteilt, obwohl in der Politik immer wieder Stimmen laut werden, der Religonsuntericht gehöre nicht in die Schule. Im Gegensatz dazu ist die Stellung des RU in den meisten Bildungseinrichtungen unangefochten.
Ein Problem ist eher: welcher Unterricht?
Ich erinnere mich gut wie das war, als mein Aeltester in den neunziger Jahren in Chile in die Schule ging. Auf dem Stundenplan der Privatschule stand Religionsunterricht, was natürlich "katholischer - gefärbter" Unterricht war. Nun habe ich damit eigentlich kein Problem, zumal nach meinem Verständnis in den ersten Schuljahren ein sehr bibelbezogener Unterricht erteilt wird.
Dieses etwas blauäugige Denken änderte sich aber schlagartig als er eines Tages nach Hause kam und stolz seiner Mutter erzählte, dass er nun "zwei Mamis habe", nämlich sie und Maria im Himmel.
Langer Rede kurzer Sinn, flugs hatten sich die wenigen evangelischen Eltern abgesprochen, dass das nicht die Idee gewesen sei, als sie dem Religionsunterricht zustimmten und ich habe einen meiner damaligen Theologiestudenten an der CTE überzeugenkönnen, dass er ab sofort den evangelischen Religionsunterricht auf dieser kleinen Schule erteilen sollte, Basis war ein Gesetz aus dem Jahr 1983, dass an jeder Schule wöchentlich zwei Stunden Religionsunterricht zu erteilen seien - und das gemäss der religösen Ausrichtung, die die Eltern wünschen, allerdings müsse jede Gruppe eine gewisse Zahl von Schülern aufweisen.
Das gilt auch für die evangelischen Schüler.
Nur wurde dieser Unterricht nicht so oft gewünscht, weil viele Eltern - ich eingeschlossen - dieses Gesetz nicht kannten. Zudem gab es keinen Lehrplan und auch wenig Religionslehrer.
CONAEV, das Comité Nacional de Educación Evangélica hat es geschafft, einen Plan auszuarbeiten der 1997 von der Regierung anerkannt wurde, der zwar in meinen Augen zu stark bibelorientiert ist, aber der nun als offizieller Lehrplan für nicht konfessionsgebundenen Schulen gilt.
Bereits 1995 begannen wir an der Comunidad Teológica Evangélica mit Weiterbildungskursen für Lehrer, damit sie evangelischen Religionsunterricht erteilen können. Der Weg dahin war alles andere als einfach, eben weil wir damals noch keinen ofiziellen Lehrplan hatten, und gar nciht so recht wussten, in welche Richtung wir diese Kurse fokusieren sollten.
In der Zwischenzeit ist einiges Wasser den Mapocho hinuntergeflossen und heute konnte ich mit Iván Ruz, Präsident von CONAEV über das Erreichte und das Gewünschte reden.
Wir trafen uns in seinem Büro in der Schule "Manantial de Gracia", einer evangelischen, vom Staat subventionierten Schule in San Miguel, mit mehr als 200 Schülern.
Als Rektor dieser Schule erzählte er zunächst von den Bemühungen die Schule aufzubauen, von den Schwierigkeiten Schulmaterial zu bekommenund zeigte mir das Unterrichtsmaterial der ersten Klasse - sie unterrichten allerdings alle Schulstufen. Sehr viel geschieht im Kleingruppenunterricht, manches auch geschlechtergetrennt, gerade in der Oberstufe, weil das, so Iván Ruz, manchmal die besseren Resultate bringe.

Iván Ruz, Schuldirektor und Präsident des (chilenischen) Nationalen Komitees für evangelischen Religionsunterricht während einer Schulschlussfeier

Rührig sind sie in dieser Schule, bis hin zur Abschlussfahrt im letzten Schuljahr, die ins Ausland geht, aber nicht zum Baden, sondern damit die SchülerInnen in anderen Schulen weitergeben, was sie in einer "evangelischen" Schule fürs Leben gelernt haben - und das mit Theater, Musik, berichten und einem Gottesdienst, den die Schüler vorbereitet haben.
Der Präsident von CONAEV erzählte dann von den Schwierigkeiten zuerst den Lehrplan für den RU zu erstellen, ihn anschliessend von möglichst vielen Kirchen "absegnen" zu lassen, ihn danach vor das Erziehungsministerium zu bringen , und als endlich alles fertig und genehmigt war und er im Amtsblatt veröffentlicht werden sollte, hatten sie kein Geld für die Veröffentlichung, weil diese Kosten zu Lasten des Interessierten gehen.
Nun ja Gott ist gnädig, und in diesem Fall war es auch ein Staatsbeamter, der sich schlusendlich dafür einsetzte, dass der Plan auch ohne volle Bezahlung veröffentlicht wird.
Heute ist CONAV als staatlich anerkannte Institution auch dafür verantwortlich, dass die Religionslehrer, bzw. die Qualität des Unterrichts alle zwei Jahre evaluiert wird.
Noch ist es nicht soweit, aber CONAEV arbeitet am Programm, was denn da geprüft werden soll.
Ein Problem sieht der Präsident mit der neuen Gesetzgebung, dass ab 2011 alle Religionslehrer einen staatlich anerkannten Titel haben müssen.
Es gibt zu wenig Lehrer, weil es keine evangelische Universität gibt.
Es gäbe zwar von Seiten einiger evangelischen Kirchen Verträge mit Privatuniversitäten, in denen festghalten wird, dass die Privatuniversitäten den pädagogischen Teil einbringen und die Theologie wird von den Kirchen beigesteuert (siehe meinen Artikel über UMCE in "Der Geist ist wichtig...."), aber nicht selten sind die Studiengebühren in den privaten Universitäten so hoch, dass die Studenten und Studentinnen sich dieses Studium schlichtweg nicht leisten können, und Ivan R. beschrieb mir den Fall eines Pastors, der sehr gut bei Jugendlichen in Randgruppen, den sogenannten "Tribus urbanas" ankommt, Fernando Gallegos, der sein Studium wohl abbrechen muss, da er das Geld nicht aufbringt.
Hier ist grosser Handlungsbedarf in zweierlei Hinsicht:
nämlich,
a.) dass möglichst viele evangelische Kirchen sich über den Aufbau einer Universität bald einig werden und
b.) dass dann das Geld bereit gestellt wird.

b.) wird möglich, wenn a.) eintrifft.
Ob der "Leidensdruck" schon gross genug ist? Zumindest könnte auch diesbezüglich das "Jubiläumsjahr" mit dem ausgedrückten Wunsch zu mehr Einigkeit einen Hoffnungsschimmer am Horizont hervorzaubern.
Ansonsten gibt es - immer in Chile, noch einen Plan c.).
Und der besteht darin: man muss mehr Stipendien vergeben. Aber wo soll das Geld dazu herkommen?

Donnerstag, 23. April 2009

Einheit in der Vielfalt 100 - mal sehen


vielleicht gibt es ja doch noch ein grosses Fest und ein Zeugnis der Einheit anlässlich des "Geburtstages" der chilenischen Pfingstbewegung.
Nachdem bereits vor 3 Wochen am Hauptsitz der Iglesia Metodista Pentecostal de Chile, die "mesa ampliada", bestehend aus Vertretern von Pfingst- und historischen Kirchen, getagt hat, wurde auf gestern zur "Asamblea Mesa Ampliada une Chile" eingeladen und mehr als 150 Pastoren und einige wenige Pastorinen kamen in das Auditorium der Iglesia Metodista Pentecostal in der Calle Obispo Umaña, um sich zunächst über das Anti-Diskriminationsgesetz informieren zu lassen. Nicht ganz fair - fand ich, denn eingeladen war um die 25 Programmpunkte für das Jubiläumsjahr bekanntzugeben und aufzurufen, so breit als möglich diesen Programm zu folgen und eigene Ideen für das "Jubiläumsjahr" beizutragen. Opispo Duran Castro, Hauptprediger an der grñssgten evangelsichen Kirche, der Catedral Evangelica, in Jotabeche 40 war zuversichtlich, dass man am 12. September im Nationalstadion in Santiago ein Zeichen der Einheit geben könne.
Oft und viel war an diesem Nachmittag von Einheit die Rede.
Begonnen wurde die Veranstaltung, zu der auch Representanten verschiedener "Pfarrvereine" aus den Regionen gekommen waren, mit Psalm 133: "Siehe, wie fein und lieblich ist's, dass Brüder einträchtig beieinander wohnen! wie der köstliche Balsam ist, der von Aaron Haupt herabfliesst in seinen ganzen Bart, der herabfliesst in sein Kleid, wie der Tau, der vom Hermon herabfällt auf die Berge Zions. Denn daselbst verheisst der HERR Segen und Leben immer und ewiglich."
Aber nicht nur von der Rednertribüne sondern auch aus dem Publikum wurde eindrücklich, ja unter Tränen darum gebeten, dass man trotz mancher Differenzen, doch den einen Leib Christi, die eine Kirche betonen solle.
Klar ist das Proramm IMPCh-lastig, also auf die eine Kirche zentriert, die 100 Jahre alt wird, aber immerhin wird nun eine Oeffnung deutlich, und sogar weitere grosse Pfingstkirchen sind dabei sich zu überlegen, in welcher Form sie beim Jubiläum mitmachen könnten.
Ein nicht weniger eindringlicher Aufruf von Pedro Zavala, Pfarrer der Iglesia Evangelica Luterana en Chile (IELCh), bei all den Vorbereitungen des Jubiläums die Rolle der Frauen in Geschichte und Gegenwart der Bewegung nicht zu vergessen, fand nicht nur Zustimmung, sondern begeisterten Beifall. Offensichtlich bewegt sich auch in dieser Richtung zumindest etwas in diesen Kirchen, die sich nicht selten durch Abwesenheit von Frauen in den Leitungsgremien auszeichnen.
Es würde mich freuen, wenn 2009 ein "echtes" evangelisches Feierjahr im Zeichen der Einheit in der Vielfalt werden könnte, quer über die politischen und theologischen Lager hinweg.
Zumindest habe ich einen (grossen) Schritt in diese Richtung miterleben können.
Kurzer Filmbericht auf Fernseh Jotabeche ist unter http://www.jotabeche40tv.com/ (unter reunion centeario = Bild von Ob. DuranCastro auf der rechten Seite) zu finden.

Mittwoch, 22. April 2009

Abschied I

Am Samstag haben wir Jan verabschiedet, nein das heisst eigentlich am Freitag und am Samstag.
Am Freitag bei Miguel und Paulina - mit einem Asado und am Samstag, bei Pancho und Eileen mit einem Asado.
Am Samstag war es allerdings etwas mehr.
Denn zu Beginn stand nach dem Apero eine Brauereibesichtigung an, nämlich bei Asbjorn Gerlach, von der unabhängigen Brauerei Kross. Asbjorn erzählte von den Anfängen einer kleinen Brauerei, die dabei ist sich gemeinsam mit andern Kleinbrauereien im chilenischen Markt mit 0,2% zu positionieren. Mit anderen Worten, in Chile gibt es ein (inoffizielles) Biermonopol. Die CCU Cerveceria Chilena Unida macht alles. Vor einigen Jahren kam dann noch "Becker" dazu - und das wars. Und nun kommen die "Kleinen" dazu wie "Kunstmann" oder eben Kross.
Selbstverständlich wurde dann direkt aus der Brauerei das Bier auch zum Asado mitgenommen.
Das fand dann auf dem Grundstück von Pancho und Eileen statt.
Für die Beiden war es eigentlich ein Wiedersehen und ein Abschied mit Jan, den sie alles kleinen Jungen, gemeinsam mit ihrer Tochter Fran, manchmal von der Schule abgeholt haben.
In solchen Augenblicken merkt man, wie doch die Zeit vergangen ist.

Bei Pancho und Eileen in Curacavi - Blick vom Garten aufs Wohnhaus



Politische Gemeinde und Kirche

Departamentos in der Gran Avenida, San Miguel - Santiago

Also einmal angenommen, unser Gemeindammann in Märstetten, Jürg Schumacher, möchte zum Thema "Jugendarbeit" die Stimme der Kirchen hören, was er efektiv ja auch gemacht hat und lädt dazu ein. Wen? Nun einen Vertreter der evangelischen und einen Vertreter der katholischen Kirche.
Einmal angenommen, der Alcalde (Bürgermeister) von San Miguel, einem Stadtteil von Santiago, will zum selben Problem die Kirchen einladen - dann muss er neben dem Vertreter der römisch katholischen Kirche noch 35 weitere Pfarrer, Präsidenten oder sonstige Vorsitzende der evangelischen Kirchen einladen, die in seiner Komune mit rund 80.000 Einwohnern registriert sind.
Die alle unter einen Hut zu bringen und eine Form zu finden, in der er möglichst alle anspricht, das ist ziemlich schwierig. Also hat man begonnen in San Miguel und in anderen Städten und Komunen in Chile ein "Büro für Religöse Angelegenheiten" einzurichten -mit dem Ziel, die Kommunikation zu und mit den Kirchen und Religonsgemeinschaften zu verbessern.
Die Probleme sind - zugegebenermassen - vielfältig:
von gemeinsamer Jugenarbeit und den "Geburtstagsfeierlichkeiten" der Komune angefangen bis zur Gestaltung der Weihnachtsfeier. Aber das ist auch immer wieder die Problematik der "Lärmbelästigung", wenn die Kirchenband mitten im Wohngebiet bis 23:00 Uhr übt, oder der Sonntagsgottesdienst bei geöffneten Türen und Bandbegleitung auch um 22.30 nicht enden will. Die ist die Frage ob auf dem Grundstück xy wirklich eine Kirche gebaut werden kann, und ob die Kirche z das alte Kino zu einem Gottesdienstgebäude umbauen darf und welche Auflagen dabei erfüllt sein müssen.
In San Miguel ist Eduardo Cid, ehemaliger CTE Student zu 50% für diese Aufgabe angestellt.
Das heisst er hat dort ein "Büro" - eine Nische in einem Grossraumbüro, mit einem Schreibtisch, einem Schrank für die Aktenordner, zwei Stühle und das wars.
"Jugendarbeit machen wir in diesem Jahr in dem wir Jugendlichen, die Musik machen wollen, einen Raum (in einer Kirche) zur Verfügung stellen", erzählt er mir bei meinem Besuch im Rathaus. "Für das Ausleihen einiger Instrumente und für Lehrpersonen stehen 1.2000.000 Pesos zur Verfügung (umgerechnet 2.500 Franken) und wir hoffen 150 Jugendliche zu erreichen", meint Lorena, die Abteilungsleiterin für Jugend und Soziales, die zum Gespräch hinzugekommenist. "Was uns noch fehlt ist der Zauberstab, damit wir an den Betrag eine weitere "0" anhängen können."
San Miguel ist hoch verschuldet.
Ueberall ist die Arbeit von Freiwilligen gefragt. Nicht zuletzt deshalb hat man mit Eduardo einen Pfarrer mit uns Boot geholt, der sehr guten Kontakt zu fast allen diesen Kirchen hat, denn der sozialistische Bürgermeister weiss sehr wohl, wieviel Freiwilligenarbeit er von den (evangelischen) Kirchen erwarten kann, wenn er ihnen nur ein bisschen entgegenkommt und Eduardo weiss: Ohne die Arbeit dieser Kirchen würde es in Bezug auf Kinder-, Jugend- und Altenarbeit noch viel schlechter aussehen.
Dass da noch ganz viel mehr und anderes zu tun wäre, das weiss auch Lorena, aber sie anerkennt, dass Eduardo zwar keinen Zauberstab, aber doch einen aktiven Geist und viel Engagement mitbringt - und das ist für Sozialarbeit in San Miguel mindestens gleich viel wert - und auch für die Kirchen, die eine Stimme in der Gemeindeverwaltung haben.

Dienstag, 21. April 2009

Ein Stein im Wasser

Eingang der orthodoxen Kirche "San Jorge" im Stadteil Recoleta, Santiago de Chile


Die Fraternidad ecumenica de Chile trifft sich einmal im Monat reihum in den verschiedenen teilnehmenden Kirchen. Am Mittwoch war es wieder soweit.
Treffpunkt Iglesia Ortodoxa de Antiochia en Patronato.
Im Patronato -Viertel sind mehr oder weniger alle Kleiderläden Santiagos versammelt, zumindest ist es der Teil der Stadt, in dem man Kleider in allen Stilen und Preislagen finden kann. Aber das war ja nicht mein Hauptanliegen, obgleich ich mich im Vorübergehen darüber informieren konnte wieviele echte, geklonte und gefälschte LEVI'S (unter anderem Namen) es auf dem Markt gibt ohne die, sie sich mit eigenem Design versuchen.
Geladen hatte der orthodoxe Priester Georges Abed, der zugleich Präsident der Fraternidad ist.
Pfr. David Muñoz, der die baptistischen Kirchen vertritt, bat mich nach dem Gottesdienst einen kurzen Bericht meiner Zeit in Chile abzugeben, da ich in den vergangen Wochen ja mit verschiedenen Kirchen, Kirchenleitungen und Organisationen im Kontakt gestanden habe.
Im Folgenden zusammengefasst mein Bericht, der sich (nachträglich) als ein Steinwurf in einen stillen See erweisen sollte. Etwas, was beim besten Willen von mir nicht beabsichtigt war.
"Sehr geschätze Anwesende, Brüder im Glauben an unseren Herrn Jesus Christus ....
Knapp sechs Wochen bin ich nun schon in Chile, habe in dieser Zeit verschiedene evangelische Kirchen und Gottesdienste besucht, mit Pfarrern, Pfarrerinen und mit kirchenleitenden Personen gesprochen und alle bestätigten mir: Ja, die Kirchen in Chile wachsen, wenn auch nicht mehr so schnell wie auch schon. Aber die einen mehr, die andern weniger. Doch ist es Wachstum oder nur ein Verschieben von Mitgliedern, oder dass Mitglieder hier ihre Kinder taufen lassen und in einer anderen Kirche (als Mitglieder) die Gottesdienste besuchen? Ob es sich um ein spirituelles Wachstum handelt - diese Frage konnte mir niemand so eindeutig beantworten.
Sorgen macht mir, nach all diesen Besuchen, Gesprächen und Beobachtungen:
- nach wie vor sind die Evangelischen in Chile sehr geteilt und es tut mir leid, dass man es - nach meiner bisherigen Information - nicht Zustande bringt, den 100 jährigen Geburtstag der Pfingstbewegung in Chile im positiven Sinn auszunutzen, um zu zeigen: Wir sind einig im Geist...
- die Ausbildung der zukünftigen Religionslehrer, die an Privatuniversitäten verschiedenster Prägungen geschieht, wo aber das Evanglium keine transversale Achse bildet, dass es also immer noch keine Evangelische Univesität im Land gibt, die die fundierte Aus- und Weiterbildung der Lehrer und Pastoren/Pastorinnen sicherstellen kann.
- das (wenn auch nicht schnelle) Wachsen der neu-pfingstlichen Bewegung mit dem Evangelium der Prosperität. Was haben diese Kirchen, oder besser was suchen die Menschen, die diese Versammmlungen besuchen?
Mich würde es interessieren, wie sie, die Anwesenden, die Zukunft der (evangelischen) Kirchen in Chile sehen, wenn man bedenkt, dass es auch hier bald weniger Kinder und Jugendliche und damit mehr alte Menschen gibt. Inwieweit wird sich hier die Dynamik und die Tätigkeit der Kirchen ändern?"
Anschliessend ging ich noch kurz auf die Situation der reformierten Kirchen in der Schweiz ein, mit sinkenden Mitgliederzahlen, wenn auch nicht mehr so schnell wie auch schon, dass auch wir merken, dass weniger Kinder geboren werden und vor allem, dass uns die Generation der nach 1960 geborenen fehlt. Weiterhin berührte ich die Herausforderung von Kirche und Gesellschaft durch einen wachsenden Anteil islamischer Einwohner in der Schweiz und stellte kurz mission 21 und die Basler Mission vor.

Soweit mein Bericht.
Der Stein, der ins Wasser fiel, das war die Bemerkung über die Religionslehrerausbildung und über die (fehlende) evangelische Universität. Dieses Thema wurde in einer sehr lebhaften Diskussion aufgegriffen in der alle Kirchenvertreter sich zu Wort meldeten, und der Vorstand bekam die Aufgabe, dieses Thema für eine der nächsten Sitzungen in aller Breite vorzubereiten und die ofiziellen Vertreter der Regierung, der katholischen Kirche und der Einheit für die Ausbildung evangelischer ReligionslehrerInnen dazu einzuladen.
Hier sei also Handlungsbedarf, denn es gehe nicht an, dass jede Kirche einen eigenen Plan entwerfe, ein eigenens Programm vorschlage und den einfachsten Weg zur Verwirklichung suche, sondern man müsse als Christen versuchen einen Lehr- und Ausbildungsplan zu erstellen, der breit abgestützt sei.
Offensichtlich war dieses Thema in den Versammlungen vor lauter Gottesdienstvorbereitung zum Nationalfeiertag - dafür ist die Fraternidad (auch) verantwortlich - noch nicht in dieser Schärfe in den Blick geraten.
Ich bin gespannt was dabei herauskommt.

Donnerstag, 16. April 2009

"Von Konfrontation zur Koexistenz"

so beschreibt Juan Sepúlveda, Direktor von SEPADE und Doktor der Theologie das Verhältnis von historischen (evangelischen) Kirchen, wie der iutherischen, der reformierten, der methodistischen oder der baptistischen und den zahlreichen Pfingstkirchen in Chile.

Juan Sepulveda, Misión Iglesia Pentcostal, Direktor SEPADE

Sicher, in den ersten 30 Jahren nach den ersten Manifestation des Pfingstgeistes in Chile 1909 gab es (fast) keine Kontakte, was wohl auch mit den Verletzungen aufgrund der Trennung der Bewegung unter der Leitung von Pastor Willis Hoover von der Methodistischen Kirche zu tun hat.
Hoover selbst hatte keinerlei Interesse an einem Kontakt mit der Kirche, "aus der Gott sie herausgerufen hatte"- und auch die (nord) amerikanischen Missionare, seien es nun Methodisten oder Presbyterianer, die in Chile waren, verstanden die Anliegen der Pfingstbewegung, bzw. der Pfingstkirche nicht und bezeichneten sie abschätzig als Kirchenspalter und Nationalisten.

Willis Hoover, nordamerikanischer Arzt und methodistischer Missionar in Chile, in desen Kirche in Valparaiso die chilenische Pfingstbewegung enstand.

Juan MacKay, ein schottischer Missionar mit lateinamerikanischer Seele, der in Peru lebte, arbeitete und einen Kreis Intellektueller um sich scharte versuchte in den 20er Jahren zu verstehen, was diesbezüglich besonders in Chile passiert, und ein Kreis von fortschrittlichen Theologen begann sich für das Phänomen "Pfingstkirchen" zu interessieren und es zu betrachten, so dass sp´ter die Integration von zwei (kleinen) Pfingstkirchen in den den Concilio Evangelico de Chile 1941 kein Problem darstellte.
In den fünfziger Jahren ist dann eine verstärkte Wahrnehmung und "Annäherung" festzustellen: und es gelingt für die Massenevangelisationen verschiedene Kirchen als Organisatoren zu gewinnen - dabei wurde auch deutlich, dass die Theologie der (traditionellen) Pfingstkirchen und die der historischen Krichen eben nicht "himmelweit" voneinander entfernt sind. Wohl auch das ein Phänomen, dass es so nur in Chile gibt.
In den sechziger Jahren wurde dann die Ayuda Cristiana Evangélica gegründet, sozusagen der "soziale Arm" des vorher erwähnten Concilios.
An dieser Institution waren nun weitere Kirchen interessiert, ging es doch auch um Geld und Einfluss, so dass auch grössere Pfingstkirchen, wie die 1947 aus einer Spaltung hervorgegangenen Iglesia Pentecostal de Chile unter der Leitung von Enrique Chávez sich an die historischen Kirchen annäherten. Langsam wird in Chile das Gefühl eines "Pueblo Evangelico" - zumindest in einigen Kreisen - spürbar. Diese zarte Pflanze wird mit der Pinochet-Diktatur zerstört, denn nun kommt es zu einem tiefen Riss zwischen Befürworten und Gegnern der Diktatur, der quer durch die Kirchen geht, seien es nun Lutheraner, Presbyterianer oder auch Pfingstler. Trotz aller ideologischen Spannungen und Spaltungen war man aber auf Seite einiger (kleinen) Pfingstkirchen durchaus bereit, Beiträge der historischen Kirchen ernst- und anzunehmen, vgl. das Fernkursprogramm der Comunidad Teológica Evangélica de Chile (CTE), das in dieser Zeit breiten Anklang fand.
In der Gegenwart ist die "mesa amplida" als ein gemeinsames evangelische Gesprächsforum zu nennen, allerdings, so Juan S. fehlen hier die offeneren Gesprächspartner, was die Stellungnahmen zum Ley de Antidiscriminación(= Anti Diskriminationsgesetz) deutlich gezeigt haben oder auch die Stellungsnahmen die betonen, dass die Evangelischen in Chile das Evolutionsmodell ablehen, obwohl dies nie in der Mesa besprochen wurde, und was so auch nicht stimmt.
Für Juan ruht die Führung der Pfingstbewegung nicht mehr in Händen der Bischöfe und Praesidenten der grossen Kirchen, sondern die intellektuelle Führung ist bei den kleinen und eher agilen Pfingstkirchen zu suchen.
Schon in den 70er Jahren wurde die Fraternidad Ecuménica de Chile als ökumenische Vereingung gegründet, zu der neben der römisch katholischen Kirche, die orthodoxe Kirche, die meisten historischen Kirchen und einige Pfingstkirchen ihre Delegierten und Repräsentanten schicken - ohne sich allerdings "allzuweit aus dem Fenster zu lehnen", um nicht als "ökumeniker" bezeichnet zu werden.
Und auch bei der kath. Kirche zeichnet sich auf vielen Ebenen ein Umdenken ab: es wird nicht mehr generell von "Sekten" gesprochen, wenn man Pfingstkirchen meint, sondern von "Christlichen Gemeinschaften" und es gibt in der kath. Kirche durchaus auch Vertreter, die den missionarischen Eifer der "Pfingstler" anerkennen.
Von daher kann man laut Juan Sepúlveda sehr wohl von einem Weg von der Konfrontation zu Koexistenz reden, was Hoffnung für die ganze Oekumene gibt, damit wir als Christen Zeichen der Einheit und Verantwort für die Welt geben können.

Mittwoch, 15. April 2009

Begegnungen IV oder Ein eher ungewöhnliches Osterfest

Blick auf den Pazifik bei Bucalemu

Es war Mittwoch abend. 18:00 vorbei - also nahmen Blanca und ich "once", will heissen ein einfaches Abendessen bestehend aus Brot, Wurst, Käse und Tee. Mit Miguel Camus waren wir die Woche vorher eigentlich verblieben, dass wir am Mittwoch gemeinsam zu Abendessen würden. Er würde noch anrufen um einen Termin zu machen. Das war wohl nichts. Wir waren gerade mit dem Once fertig, da klingelt mein Handy. "Hola Compadre, como estas?" Mein Freund Miguel.
Er sei etwas spät dran mit dem Abendessen, er hole uns um 20:00 Uhr ab.
Na ja, was wollte ich sagen? OK - obwohl wir gerade etwas gegessen hatten.
Um 20:10 klingelt das Telefon erneut: er sei wirklich spät mit dem Einkaufen dran, ob wir gegen 21:00 Uhr an der Metro Principe de Gales sein könnten - und von da würden wir zu ihm nach Hause fahren.
An der Metrostation wartete nicht nur Miguel sondern auch Carlos, der Torwart und Schiedsrichter mit seiner deutschen Freundin.
Schlussendlich bei Miguel angekommen hatte Paulina, Miguels Frau, bereits alles vorbereitet, so dass wir mit dem Pisco Sour anfangen konnten. Gegen 22:00 trafen die letzten geladenen Gäste ein, Miguel und Patricia.
Dieser Miguel ist Besitzer einer Terpel Tankstelle, was er noch ist, bzw. noch alles macht sollte ich am Wochenende erfahren - und das kam so:
Je später der Abend, desto dringende die Frage, wer macht was am (langen) Wochenende?
Miguel erzählte von Santa Cruz, wo er zu Hause ist, und von da sei es nicht weit zum Lago Vichuquen. "Ja - kenne ich, es ist schön da. War ich mal vor Jahren." Paulina kannte ihn nicht, Carlos und Madeleine auch nicht, und so gab ein Wort das andere. Also - abgemacht: Freitag Tagesausflug ( Hin und zurück ca 500 Km) an den See. Miguel und Patricia haben ein Haus ganz in der Nähe, wir könnten ja auch übernachten.
Abgemacht. Ich fragte noch, wie wir mit 6 Erwachsenen und 2 Kindern reisen würden. Kein Problem, meinte Miguel Camus. Es gibt ausser meinem Pickup noch einen Jeep. Freitag morgen um 7:00 gehts los.
Und übrigens: Das Haus vom anderen Miguel und von Patricia steht auf einem kleinen Fundo - und da gibt es eine Kapelle, ob ich nicht etwas für den Karfreitag vorbereiten könnte.

Freitag morgen, 7:10 Uhr klingelt das Telefon: Miguel. Paulina und die Kids brauchen noch etwas Zeit, so bis etwa halb neun.
Bis wir dann wirklich losfuhren war es 10:00 Uhr. Carlos und Madeleine kamen nicht - Carlos müsse am Samstag schiedsrichtern. Also waren wir 4 Erwachsene und 2 Kinder in einen Suzuki Vitara - Gurte und Kindersitze, was ist das?
Die Fahrt ging von Santiago über San Fernando nach Santa Cruz - und ich dachte wir seien jetzt bald da. Weit gefehlt. Die Strassen wurden immer enger und kurviger bis wir gegen 14 Uhr in Bucalemu ankamen.
Der andere Miguel erwartete uns mit seinem Nissan Pickup am "Hafen" um uns den Weg zum Haus zu zeigen. Vorher mussten wir noch Fisch und Muscheln kaufen. Der "Laden", eine Art Garage an einer staubigen Dorfstrasse war gut besucht. Mann musste warten, auch weil der Fisch frisch zubereitet, d.h. filetiert wurde. Um die Wartezeit abzukürzen gab es auf Kosten des Hauses einen Whiskey-Cola, serviert in einem Glas, das mindestens einen halben Liter Inhalt aufweist, und das von Männerhand zu Männerhand, von Kundschaft zu Fischer und umgekehrt kreiste.
Miguels Haus liegt auf seinem Fundo von ca 300 ha - alles Wald- am Meer. Von der Hauptstrasse geht es noch ca 4 Kilometer über eine "Strasse", die er vor einiger Zeit angelegt hat, über Sand, Schotter und Ton (bei Regen kein Durchkommen) zum Haus. Ein einfaches Adobe-Haus im Colono-Stil, mit einer fantastischen Sicht auf den Pazifik.

Ganz in der Nähe eine Holzhütte mit 6 Betten in zwei Zimmern. Die waren für uns.
Wasser tröpfelt aus einem Tank weiter oben, Strom gibt es nur, wenn der Generator läuft.
Auf dem Gelände erwarteten uns die Söhne von Miguel und Patricia und das "Mädchen für Alles" Queno, der in Bucalemu wohnt und morgens eine dreiviertelstunde den Strand entlang zur Arbeit läuft, und Aguja (Nadel) ein ziemlich dürrer Hund.
Das Feuer im Grill (ein altes halbiertes Benzinfass) war bald gemacht und die Weinflaschen waren noch schneller geöffnet.
Es gab Miesmuscheln mit Käse und jene Menge gebratenen Fisch.
Nach dem Essen gegen 17:30 gingen wir in die Kapelle, die Miguel vor einigen Jahren bauen liess. Ein schlichter Steinbau, mit einer Statue der Jungfrau de las Mercedes als Blickfang.



Er hat diese Kapelle bauen lassen, weil in seinem Elternhaus, unweit von diesem Ort, immer eine Jungfrau stand und die Hauskapelle sei für alle Angestellten und auch für die Taucher, die hier am Meer arbeiten, offen gewesen. Aber nach dem Tod des Vaters vor einigen Jahren habe die Mutter das Haus (an einen Nordamerikaner) verkauft, und nun gäbe es keinen Ort mehr für das Gebet.


Die Karfreitagliturgie hatte ich bewusst kurz gehalten. Begrüssung, Gebet, Psalm 22, die Verurteilung und Kreuzigung nach Johannes, Predigt, Gebet, Unser Vater, Segen, Friedensgruss.
Für Miguel und Patricia war es ganz wichtig, dass wieder einmal ein Geistlicher in der Kapelle war. Der Padre komme viel zu selten und der Cura (Priester) schon überhaupt nicht (wen wundert es, bei 450 Priestern für ganz Chile).
Es war jetzt schon fast dunkel, alle zogen los, um sich wärmere Kleidung anzuziehen, als jemand auf die Idee kam, man könne doch Jaivas (Krebse) fangen gehen. Also zogen wir "bewaffnet" mit einem entsprechenden "Haken", Eimern und Taschenlampen los.
Aber die Krebse müssen uns wohl belauscht haben - wir fingen nicht einen.
Den Rest des Abends verbrachten wir im Gespräch und hier erfuhr ich vom grossen Brand vor einigen Jahren, als ein Teil des Waldes verbrannte und Miguel Eukaplyptus pflanzte. Heute findet er das keine gute Idee mehr, denn der Eukalyptus wächst zwar schnell (nach 8 Jahren kann "geerntet" werden, bei Pino Oregon sind es immerhin 20 Jahre), aber er braucht viel Wasser, und wenn das Jahr so trocken ist, wie dieses, dann gibt es in der Lagune, aus der er das Wasser für das Haus bezieht, wenig Wasser.
Ausserdem macht Miguel Wege, reisst Häuser ab, führt Holz, Sägespäne und Sand. Das Geschäft scheint nicht schlecht zu gehen, wenn er drei Söhne auf der Universität in Santiago hat. Denn das ist in Chile alles andere als billig.
Irgendwann war Zeit zum Schlafen. Kalt war es geworden. Im Dunklen gingen wir in unsere Hütte. In der Toilette brannte bereits Licht (3 Kerzen auf einem Kerzenständer) und das Bett hatten wir schon vorher- bei Tageslicht- gemacht.
Zum Glück hatte uns Patricia noch eine Schafwolldecke ( die wog mindestens 8 Kilo) mitgegeben, so dass wir unter 4 Decken nicht frieren mussten. Der Vollmond leuchtete ins Zimmer und die Wellen brandeten gegen die Küste. Eher ungwohnte Beleuchtung und noch ungewohnter die Geräusche.
Den Samstag gingen wir langsam an: Ausgedehntes Frühstück mit Pan amasado, Tee, Marmelade, Rührei und viel Zeit. Ich überlegte mir, wann wir wohl nach Santiago zurückfahren würden. Es waren so keine Anzeichen da - und als Miguel die erste Weinflasche aufmachte, begann ich zu realisieren, dass es sicher erst am späteren Nachmittag sein würde, also: Spaziergang am Strand, am ehemaligen Herrenhaus vorbei und dann in den Wald (immer auf die Himmelsrichtung achten - wir müssen wieder zurück zum Meer).
Als wir gegen 14:00 Uhr zurückkamen, wurde gerade Feuer unter dem Grillrost gemacht. Von zurück nach Santiago keine Spur. Gegen halb drei fuhr der Hausherr die Wurst und das Fleisch auf - kiloweise. Jetzt wurde mir langsam klar: Santiago - heute kaum mehr, und das bestätigte sich als zum Aperitiv Caipirinha, ein Mixgetränk aus Zuckerrohrschnaps und Zitronen, aufgetischt wurde, aber in Gläsern für Erwachsene. Das Mittagessen dauerte bis 17:00 Uhr. Schon am Vormittag hatten die (kleinen) Kinder angekündigt, sie würden gerne reiten. Darauf waren Miguel und Queno irgendwann einmal losgezogen und hatten Pferde gesucht. 3 konnten sie finden. Während des Mittagessens wurden sie dann von einem der Söhne Miguels gesattelt und am späten Nachmittag ging es dann los, auch Blanca entdeckte ihre Kinderseele und ritt aus.




Die Uebrigen versuchten sich später dann noch einmal mit den Krebsen - auch heute ohne Erfolg.
Den Abend verbrachten wir im Wohnzimmer des Hauses. Im Kamin brannte wie schon gestern ein Feuer, und Kinder, Jugendliche und Erwachsene spielten gemeinsam ein Ratespiel, das sich mehr als eine Stunde hinzog, vielleicht waren es auch zwei - und alle amüsierten sich. Es bleibt einem auch nichts anders übrig als miteinander, sozusagen in der Familie, etwas zu unternehmen. Das grosse Zimmer ist das einzig warme Zimmer und es gibt Licht. Zwar gibt es auch in anderen Zimmern Licht, aber wenn alle Glühbirnen brennen ist das schon ziemlich viel für einen kleinen Generator, von Radio, Stereoanlage oder Fernseher ganz zu schweigen. Also sitzt man zusammen.
Manchmal denke ich, der "Zerfall" der Familie als gemeinsames Unternehmen begann mit der Erfindung der Glühbirne, von da ab konnte sich jede(r) in einen einen Winkel und später dann Raum zurückziehen.
Bevor sich in Bucalemu alle zurückzogen gab noch eine wärmende Muschelsuppe nachts um halb 11 Uhr.
Am Sonntag ging es dann wirklich nach Santiago, nach dem Frühstück, nach dem von mir gestalteten Ostergottesdienst und nach dem Eiersuchen.


Um 12 Uhr standen wir auf der Hauptstrasse vor den Toren des Fundos. Doch nach 2 Kilometern war die Hauptstrasse wegen Bauarbeiten gesperrt, mindestens 15 Minuten war die Auskunft - und weiter vorne käme noch einmal eine Baustelle mit Totalsperrung.
Also Gegenrichtugn einschlagen. Doch auch hier dauerte das Glück nur wenige Kilometer, bis wir wegen einer Strassensperrung 10 Minuten warten mussten.
Gegen 15:30 waren wir wieder in Santiago, ohne weitere Staus, ohne weiter Probleme. Die Staus kamen erst am späten Abend als die übrigen 249.999 Autos nach Santiago zurückkamen, die nach Schätzung der Polizei über Ostern die Stadt verlassen hatten.
Den Saldo der Karawane erfuhren wir am Montag in denNachrichten: 22 Tote, die meisten von ihnen Fussgänger, die die Auobahn überqueren wollten.
Manche Fussgänger haben sich noch nicht daran gewöhnt, dass eine vierspurige Autobahn keine Hauptstrasse ist, auf der man, aufgrund vieler Schlaglöcher nicht schneller als 70 km/h fährt. Die neuen Autobahnen sind schnell - und teuer. Der "Ausflug" hat allein an Mautgebühren ca. 20 Franken gekostet. (Nur zu Erinnerung: "unsere Autobahnvignette kostet für ein Jahr auf allen schweizer Autobahnen 40 Franken.)
Ach ja - zum Lago Vichuquen sind wir nicht gekommen. Dafür war zwischen Gesprächen, ausruhen, essen, spazierengehen, reiten und Krebse fangen die Zeit zu kurz.

Dienstag, 14. April 2009

Sonntag und Kirchgang VI

Eigentlich dürfte ich nicht "Sonntag" schreiben, sondern eher Donnerstag, denn wir sind in der Karwoche, und fängt für mich, seit ich in Chile war, klar mit dem Gottesdienst Gründonnerstag an.
In der lutherischen Kirchgemeinde "La Reconciliacion" habe ich die intimen Abenmahlfeiern mit gemeinsamen Abendessen 1991/92 kennengelernt, sie gepflegt und auch in Märstetten feiern wir seit 1998 ein Agapemahl am Gründonnerstag im kleinen Kreis.
Von daher war es klar, dass ich am Gründonnerstagabend in der Kirchgmeinde La Reconciliacion sein würde. Von ihr war schon einmal die Rede, von daher kannich mich kurz fassen. Wir kamen natürlich zu früh - man weiss ja nie, wie lang so ein Bus braucht, aber von Haustür zur Kirchentür haben wir diesmal nur eine Stunde gebraucht. Es war ausser Pastor Haaks noch niemand da, aber Tisch und Stühle schon gestellt. Ich war erstaunt als ich sah, dass für knapp 100 Menschen gedeckt worden ar.
Wird das voll? fragte ich Enno. Seine Antwort signalisierte gute Hoffnung. Ich konnte mich noch an die 15 bis 20 Frauen und Männer damals imGemeindesaal der Trinidad-Gemeinde, wo die Versöhnungsgemeinde Gastrecht hatte, erinnern.
Es kamen wirklich so viele, ganze Familien mit Kindern (abends von 20.00 bis 22.00 Uhr), die Feier aus Gottesdienst, mit Abendmahlsliturgie, verbunden mit der Liturgie des jüdischen Passahfestes, durchzogen von Taize-Liedernbegelitet mit Orgel und Gitarre und einer auf die Situation der Gemeinde bezogenen Predigt war nachdenklich feierlich - und doch fehlte etwas von dem, was ich von früher her kannte: die Intimität.
Das ist wohl der Nachteil des Gemeindewachstums, plötzlich kommen ganz andere Leute, andere bleiben weg, man kennt sich weniger und von daher bleibt man eher unter sich, vor allem bei den etwas reservierten deutschen Gemeindemitgliedern. Zugegeben, wir haben uns am Tisch gut unterhalten, aber das Gespräch nach dem Gottesdienst ging nicht in die Tiefe. Schade.

Dafür war dann der Gottesdienst an Karfreitag sehr viel intimer, im ganz kleinen Rahmen. Wieso? Nun das hat eine Vorgeschichte - und die steht nicht unter Sonntag und Kirchgang VI, wie man vermuten könnte, sondern im Post "Begegnungen".

Gemeinsames Auftreten der (evangelischen) Kirchen

ist im Grunde genommen ein Fremdwort. Die kirchliche Landschaft (bezogen auf die nicht-katholischen Kirchen) ist so zersplittert wie die Frontscheibe eines Autos, auf die die volle Wucht eines Vorschlaghamers traf.
Diese Zersplitterung begann bereits mit dem ersten Auftreten der Evangelischen in Chile: Hier die Engländer, die waren anglikanisch, dort die Deutschen, die waren lutherisch, oder auch baptistisch, die Schweizer hielten an der reformierten Kirche fest und die Amerikaner an der Presbyterianischen. Es kamen die Methodisten - und daraus enstanden die Pfingstkirchen, die sich bald teilten. Eine Prozess, der bis heute anhält.
Zwar gab es immer wieder Versuche gemeinsamen Auftretens, wie z.B. in den vierziger Jahren, als ein evangelischer Kirchenrat gegründet wurde, dem aber nur ganz wenige Pfingstkirchen beitraten, dann der CCI und der Consejo der Pastores in den siebziger Jahren, eine Reaktion contra bzw en pro de Pinochett. Dann kam in den neunzigern COE, aber hier ging es nur um das Ley del Culto, also um die Gleichstellung der evangelischen Kirchen mit der katholischen Kirche. Kaum war das erreicht, verlor COE an Bedeutung.
Dann gibt es heute in jedem grösseren Ort die Pfarrräte, aber die sind je nachdem wer der Präsident ist, ganz verschieden gestrickt. Der Versuch eines Rates der Räte ist bislang immer gescheitert, ebenso die Annäherung der historischen Kirchen an die Pfingstkirchen (oder auch umgekehrt). Es gibt aber zumindest einen "Rat der historischen Kirchen", in dem unter anderem die Lutherischen Kirchen und die Methodisten, aber auch die Baptisten vertreten sind.
Dieser Rat versucht mit den Pfingstkirchen ins Gespräch zu kommen und man gründete den "erweiterten Runden Tisch", die "mesa ampliada".

v.l. n. r. die Bischöfe Gloria Rojas (Luth), Nefatli Aravena (Meth), Eduardo Duran(IMPCh)


Zur letzten Sitzung der mesa ampliada war ich von Juana Albonoz, die die Mesa präsidiert eingeladen worden. Treffpunkt: Verwaltungsgebäude der Iglesia Metosita Pentecostal.
Im Sitzungssaal mit dem grossen ovalen Tisch haben wahrscheinlich 20 oder auch mehr Personen Platz. Oben amTisch sitzt Bischof Eduardo Duran Castro von der Iglesia Metodista Pentecostal - Jotabeche Kirche. Er lässt sich informieren, was denn ausser in "seiner" Kirche bei den andern Kirchen für die Hundertjahrfeier geplant sei. Also die IMPCh habe alles fertig, und das Programm wird via Powerpoint vorgestellt.
Ich meine ein Schlucken festzustellen, nicht nur bei den Vertretern der historischen Kirchen.
Zum Glück wird ausdrücklich erwähnt, dass man natürlich für weitere Vorschläge offen sei.
Einer lautet: man solle doch versuchen, etwas Gemeinsames zu organisieren, eine Art Geburtstagsfeier im Nationalstadion. Eine Zeitlang wird noch überlegt und diskutiert, ob man das Stadion am 12. September füllen könne, immerhin finden gut 66.000 Menschen darin Platz - und dann wurde der Entschluss gefasst, den Vorschlag zu prüfen.
Ob man meinen Vorschlag prüfen wird, man möge eine gemeinsame WEB-Page mit allen Aktivitäten rund um das Jubiläumsjahr erstellen, ähnlich der Website für ds Calvinjahr (www.calvin09.org) weiss ich nicht.
Aber immerhin wurde eine gemeinsame Kommission für das Jubiläumsjahr aufgestellt, villeicht wird ja doch noch etwas aus einem Grossanlass, damit man dieses Ereignis der Pfingstbewegung und der Kirchen in Chile feiern kann.
Obispo Duran hat einen Anlass schon fest im Blick, das Te Deum ecumenico, die offizielle Dankesfeier am Nationalfeiertag in seiner vergrösserten Kirche. Stolz zeigt er im Anschluss an die Sitzung die Baustelle. Dier Chef mit goldenem Bauhelm referiert über den Ausbau: 2500 Quadratmeter, die Hälfte Parkhaus und Büros, die anderen 1250 sind reine Erweiterungen des Gottesdienstraumes der Jotabeche Kirche.

Montag, 13. April 2009

1909 - 2009 Einhundert Jahre Pfingstbewegung

das wäre eigentlich das Ereignis, aber irgendwie geht es mit den Planungen in Bezug auf wie und wo man feiern könnten nicht so recht voran.
Zwei Dinge sind auffällig: So dispers und divers wie die Pfingstkirchen sind, so sind es auch die "Organisationen", die an diesem Thema arbeiten:
a.) RELEP (http://www.relep.org/) hat in diesem Jahr bereits eine Tagung zu diesem Anlass organisiert - aber ausser der Veröffentlichung der Tagungsergebnisse nichts beschlossen.
b.) SENDAS (www.sendas.cl) die einen Dokumentarfilm erstellt haben, der durch einige Kirchen tourt, aber so wollen nicht dass eine DVD verkauft wird.
Einzelkämpfer versuchen etwas zu erreichen - eine Verasntaltung hier, ein Forum hinter (fast) verschlossenen Türen dort
Auffällig ist, dass beide oben genannten Organisationen von Laien getragen sind, was es in der doch sehr hierarchisch gegliederten chilenischen Kirchenlandschaft fast verunmöglicht, an ein breiteres Publikum zu gelangen.
Juan Sepúlveda, Mitglied der Misión Iglesia Pentecostal, eine der wenigen Pfingstkirchen die im oekumenischen Rat der Kirchen vertreten sind, vertritt öffentlich die Meinung, dass man eigentlich keinen speziellen Tag feiern könnte, sondern dass die Prozesshaftigkeit in der Entstehung der Pfingstkirchen festgehalten werden müsse, zumal es der ersten Kirche = Iglesia Metodista Pentecostal nicht gelungen sei, diese Bewegung in ein Gefäss zu fassen, sondern im Gegenteil, die Pfingstkirche(n) in Chile zeichneten sich dadurch aus, dass es - bis heute - immer wieder Spaltungen gab.
Obwohl beide Organisationen interdenominational arbeiten, also nicht auf eine Kirche ausgerichtet sind, ist es ihnen bislang aber nicht gelungen, über einen kleinen Kreis hinaus ihre Arbeiten bekannt zu machen.
Ein Ergebnis der Vorbereitungen in Bezug auf die 100 Jahre lässt sich dennoch festhalten. Man hat nun in einigen Pfingstkirchen gemerkt, dass ihre Geschichte nicht erst im 20. Jahrhundert beginnt, sondern dass die Wurzeln bis in die Zeit der Reformation zurückgehen. Zumindest ist Luther nun ins Blickfeld geraten (obwohl meine Studenten an der CTE von Zwingli viel begeisterter waren, und dass Calvin in diesem Jahr 500 Janre alt geworden wäre, das ist bei den meisten Kirchen hier in Chile - im Gegensatz zu Mexiko und Kuba - noch gar nicht angekommen).

Donnerstag, 9. April 2009

(Evangelischer Religions-) Unterricht in Chile




Ab 2011 müssen in Chile alle Religionslehrer einen staatlich anerkannten Titel haben, damit sie unterrichten dürfen - und ab sofort werden alle Lehrer aufgrund ihrers Wissens (schriftlich), mittels Unterrichtsbesuches und anhand eines Films, der imUnterricht gedreht wird, bewertet. Wer sehr gut abschneidet, bekommt mehr Lohn, diejenigen, die mittelmässig abschneiden, bekommen Cursos de reforzamiento, wer dann nochmals "durchfällt", muss sich eine neue Stelle suchen.
Mit zum Equipo der Bewertung gehört Sara Ossa, eine Jornalistin, Mitglied der Iglesia Pentecostal de Chile, die ich vor einigen Jahren in Deutschland auf dem Kirchentag kennenlernte, und Hugo Hormazabal, Journalist, Theologe und Religionslehrer, ausgebildet, (mit Stipendium der Basler Mission) unter anderem an der Comunidad Teologica Evangelica in Chile.
Sie informieren mich über die "Neuerungen der letzen Jahre", betreffend die Stellung der Evangelischen Kirche(n), auch in Bezug auf das Unterrichtswesen.
So müssen z.B. alle Schulen sowohl katholischen als auch evangelischen Religionsunterricht anbieten - und die entsprechenden Lehrer haben. Die Eltern entscheiden dann, in welchen Unterricht sie ihre Kinder schicken.
Die ausreichende Anzahl Lehrer, und nicht nur Religonsleher, zu finden und anzustellen, ist gerade für die öffentlichen Schulen nicht einfach, denn zum Einen ist der Lohn eher im unteren Segment und zum Anderen weisen sie Klassengrössen von bis zu 42 ! Schülern aus.
Lösungsansatz:
Dem Trend folgend, dass Bildung privatisiert wird ( was ich persönlich als sehr fragwürdig empfinde) überlegt sich zum Beispiel die Comuna San Miguel ihre (Volks)Schule einer Stiftung zu übertragen, und das kann durchaus auch eine evangelische Stiftung sein, was bedeuten würde, dass es über kurz oder lang (evangelische) Volksschulen, mit der entsprechenden Ethik im Lehrplan und auf dem Schulhof geben würde. Etwas, das vor 20 Jahren noch undenkbar erschien.
Und noch etwas war vor einigen Jahren undenkbar: Dass man einmal wird Schulen schliessen müssen, da es immer weinger Kinder (auch in Chile) gibgt, wobei der grosse Rückgang für die Jahre 2012 - 2018 erwartet wird.
Aber nicht nur wegen des Geburtenrückgangs, sondern auch wegen der Konkurrenz, müssen die staatlichen Schulen schliessen. Denn Erziehung ist in Chile ein (lohnendes) Geschäft. Der Staat gibt pro Schüler monatlich zwischen 35 udn 50.000 Pesos ( = max 100 Franken) aus. Zum Vergleich, unser Hausmeister erhält im Monat knapp 180.000 Pesos. Wenn man nun eine (subventionierte) Schule mit 800 Schülern "besitzt" sind das 40.000.000 Pesos, ohne das Schulgeld, das die Eltern zahlen. Nun gibt es hier Unternehmen, die bis zu 10 Schulen in verschiedenen Stadtteilen besitzen - aber anstelle eines Erziehungskonzeptes ein Geschäftsmodell, das darauf abzielt mit schönen Fassaden noch mehr Schüler (und noch mdehr Geld) zu gewinnen. Und obwohl der Staat seine Anstrengungen im Erziehungswesen verstärkt hat, kommt das Geld nicht bis in die Klassenzimmer, sondern bleibt im Geldbeutel der Schulunternehmer hängen.
Aber das Problem sitzt noch viel tiefer: Vielen jungen Lehren fehlt die Pädagogik, denn sie wurden in Privatunivesitäten "ausgebildet", die in den Lehrerstudenten eine gute Geldquelle sehen: Man benötigt nur einen Saal, eine Tafel und einen Lehrer, aus welchem Fachbereich er auch kommen mag, einen Lehrplan und fertig ist die Uni. Pädagogig ist der billigste Studiengang - das heisst hier kann die private "Universität" am meisten verdienen. Die Konsequenzen allerdings für das Bildungswesen sind auf lange sicht allerdings fatal.

Mittwoch, 8. April 2009

Sonntag und Kirchgang V



Heute kann ich es kurz machen. Wir waren in der Kirche LA UNION CRISTIANA der "Iglesia Evangelica Presbiteriana en Chile", ganz in der Nähe der CTE, und die erste Kirche an deren Gottesdienste ich 1990 in Chile teilgenommen hatte. Der Gottesdienst begann im 11:30 Uhr, die letzten kamen gegen 12:15 Uhr. Die Predigt hielt ein ehemaliger Student von mir und auch sonst sah ich, sahen wir einige bekannte Gesichter, Freude herrschte allgemein- und in einem Fall auch tiefe Emotion. Der Gottesdienst dauerte mit Abendmal gut 90 Minuten, davon 35 Minuten Predigt und der Rest war Bibellesung (jede(r) hatte seine eigenen Bibel dabei) und (eher schwacher) Gemeindegesang. Der Anteil von Männern und Frauen war bei ca 80 Besuchern ausgegliechen, auch von der Alterspyramide her zwischen Kindern, Jugendlichen. Erwachsenen udn Alten. Die Predigt war stark textzentriert und zugleich kontextbezogen - von daher wohltuend.
Aufgefallen ist mir, das auch hier kein UnserVater im Gottesdienst gebetet wurde. "Manchmal", meinte Pfarrer Eduardo Vidal.
Wichtig war der Kirchenkaffee im Anschluss an den Gottesdienst, wo ich eine der Studentinnen von der UMCE wiedertraf.
Sie erzählte mir von der Anglikanischen Kirche, welche als historische Kirche am Wachsen sei, mit Veranstaltungen für Ehepaare, Lager für Kinder und Jugendliche und zum Teil zwei Gottesdienste an einem Sonntag: einen für die "Stammkundschaft" und einen für Junge und Experimentierfreudige, mit moderner Musik und anderen Formen der Verkündigung - und sie als Presbyterianerin- finde, es sei eine ganz ansprechende Kirche, vor allem Dingen, sie sorge für spirituelles, für geistiges Wachstum in ihren Reihen - etwas was man auf der Webseite der Kirche (http://iach.cl/portal) in Chile auf den ersten Blick feststellen kann und das nicht nur wegen der vielen jungen Menschen auf den Bildern.

Im Kontrast dazu eine Meldung aus der Schweiz, veröffentlich im Netz der reformierten NACHRICHTEN:
Wie haben es Deutschschweizer Jugendliche mit Gott?  Vier von fünf Deutschschweizer Tennager glauben an etwas Göttliches, doch mit Bibel und Kirche wollen viele nichts zu tun haben. Dies das Resultate einer nationalen Studie, die in der jüngsten Ausgabe des «Beobachters» vorgestellt werden.  Nur 22 Prozent der 13- bis 16-Jährigen der Deutschschweiz glauben sehr, «dass es Gott oder etwas Göttliches gibt». 42 Prozent glauben «mittel/ziemlich», 19 Prozent wenig, 16 Prozent gar nicht daran. Dies ist das Resultat einer repräsentativen Umfrage bei 748 Jugendlichen im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 58 «Religionen in der Schweiz».  Durchwegs spielen Religiosität und religiöse Riten für freikirchlich orientierte und muslimische Jugendliche eine viel grössere Rolle als für reformierte oder katholische. Für junge Reformierte trifft die Aussage «Die Religion hilft mir, in schwierigen Situationen nicht zu verzweifeln», gar nicht oder wenig zu, während Muslime mittel bis ziemlich und freikirchliche Jugendliche sehr zustimmen. Ähnlich wenig glauben Reformierte daran, dass ihre Religion ihr Handeln im Alltag beeinflusst. Sie glauben auch wenig oder gar nicht an Satan oder böse Geister, fast ebenso wenig an Engel oder gute Geister und an die Wichtigkeit des persönlichen Gebets. Auch die Teilnahme an religiösen Feiern ist für freikirchliche Jugendliche sehr, für Muslime wichtig und für reformierte und katholische Teenager eher unwichtig.  Hier bleibt für uns als Kirche in der Schweiz wohl Einiges zu tun.






Dienstag, 7. April 2009

Ein Besuch im Präsidentenpalast


"Die Rolle des CCI (= Chilenischer Kirchenbund - Confraternidad Cristiana de Iglesias, ein Zusammenschluss von Kirchen, die ihren Glauben als Ausdruck von Einheit, Solidarität und Geschwisterlichkeit leben. Ihre prophetische Aufgabe ist für die chilenische Gesellschaft auf dem Hintergrund der Menschenrechtsverletzungen während der Diktatur wichtig. Mitglieder und Leiter halten diese Organisation durch ehrenamtlichen Einsatz am Leben. Ihr Hauptanliegen ist die Förderung der Einheit der christlichen Kirchen und deren gesellschaftspolitisches Engagement) ist nicht zu unterschätzen", das hat Juana Albornoz, vom CCI zwar nicht so gesagt, aber im Gespräch, das ich heute mit ihr führte, so gemeint. Denn immerhin ist der CCI ein wichtiger Träger des kirchlichen Widerstands gegen das Pinochettregime gewesen und hat bis heute Zugang zu wichtigen politischen Kräften im Land.
Diese Feststellung wird unterstrichen durch den Ort, an dem ich mich heute mit Juana traf: im Büro der evangelischen Seelesorgerin im Präsidentenpalast, in der Moneda - Mitten in Santiago.
Um überhaupt in die Moneda (nicht in den Innenhof) reinzukommen, bedarf es einer Einladung. Nachdem ich diese vorweisen konnte, wurde noch einmal telefonisch nachgefragt, ob ich wirklich eingeladen sei. Dann führte man mich in einen Innenhof, wo mich bereits eine Gardistin der Polizei erwartete. Sie geleitete mich zwei Stockwerke tiefer in den Keller , an der Fahrbereitschaft der Präsidentin Bachelett vorbei und von dort ins Büro von Juana Albornoz.
Wir unterhielten uns über den politischen Einfluss der Evangelischen, über des Gleichstellungsgesetz, über die Anerkenung der evangelischen Kirchen als Institutionen öffentlichen Rechts, über das neue Gesetz der Nicht-diskriminierung (das gerade in Vernehmlassung ist) und über den neuen Feiertag in Chile, der bewusst auf den 31. Oktober, den Tag des Thesenanschlags Martin Luthers gelegt wurde (und nicht auf den 12. September, den Tag der Bibel,) wie einige Kirchen vorgeschlagen hatten. Auch bei der Festlegung des Datums spielte der CCI eine nicht unbedeutende Rolle. Für mich ist es sehr spannend zu erfahren, wie hier Christ sein, und besonders evangelisch sein in den letzten Jahren eine neue Dynamik bekommen hat, mit evangelischem Religionsunterricht, mit diesem Feiertag, mit der Seelsorgerin für den Präsidentenpalalst und evangelischen Polizei- und Gefängnisseelsorgern.
Ganz wichtig sind auch die "damas blancas", die im Auftrag der Kirche die Kranken in den Spitälern besuchen, und die alle zugleich auch eine erste Hilfe - Ausbildung haben und den Pflegerinnen und Pflegern (ehrenamtlich) zur Hand gehen, bewusst deutlich machend, ich bin Mitglied einer evangelischen Kirche.
Einer von 2000 - oder mehr. Das ist schwierig alle unter einen Hut zu bringen. Vom CCI war bereits die Rede, aber da sind nur wenige Kirchen vertreten. Dann gab es eine Zeitlang das Comite de Organizaciones Evangelicas, COE. COE war breiter abgestützt, aber einziger Programmpunkt was das Gleichstellungsgesetz zwischen evangelischen und der katholischen Kirche. Daneben gibt es noch den Rat der PfarrerInnen von Santiago, aber auch hier sind nicht alle Kirchen vertreten, und so wurde vor einiger Zeit die "mesa ampliada" gegründet, sozusagen der "runde Tisch" aller evangelischen "Dachorganisationen, also CCI, der Rat der historischen Kirchen, die Pfarrervereinigeung, die Vereinigung der evangelischen Bischöfe etc. Das allerdings umfasst ein weites Spektrum von fundamentalistisch bis progresiv und dezidiert ökumenisch.
Auch hier wird Juana Albornoz immer wieder zum Vermitteln eingeladen.
Es ist mehr als "nur" 50% die sie für diese Arbeit einsetzt - und das für Gotteslohn, denn der Seelsorger in der Moneda wird nicht bezahlt, nur die Infrastruktur.
Auch das ein Zeichen (für einen Teil) der evangelischen Kirchen - die schmale ökonomische Basis.
Aber es gibt auch die anderen, die sogenannten Neu-Pfingstlerischen Kirchen, von denen in den vorhergegehenden Blogs immer wieder mal die Rede war. Sie sind in keiner der oben beschriebenen Organisationen vertreten. Ihre Theologie ist nicht deckungsgleich, denn sie vertreten deine Theologie der Prosperität: "Gib alles was du hast Gott, und er wir des Dir mehrfach zurückzahlen- wenn nicht, dann glaubst du nicht fest genug und lebst infolgedessen in Sünde.
Juana wusste von einem Ehepaar zu berichten, das sein Spargeld für die "Sozialwohnung" einem dieser Prediger gegeben hatte, und nach 5 Monaten hatte Gott es noch nicht zurückerstattet. Das Häuschen wäre nun fertig, sie könnten es beziehen, wurde ihnen vom "Wohnungsamt" beschieden, sie müssten nur ihren Anteil zahlen - aber diesen Anteil hatten sie ja dem Perdiger für die Arbeit im Reich Gottes gegeben. Also fasste die Frau sich ein Herz und ging zum Prediger, fragte ob sie ihr Geld wieder haben könnte, vorläufig, denn Gott habe auf ihre Gebete noch nicht beantwortet.
Der Bescheid, den sie erhielt, war niederschmetternd: Mit diesen Worten hätte sie eine schwere Sünde begangen, denn sie habe an Gottes Wort gezweifelt. Das Geld war weg.
Zum Glück wachsen diese Kirchen in Chile nicht so schnell - es gibt sie, aber nicht so massiv wie z. B. in Brasilien. In Chile hätten die Pfingstkirchen gute Netze aufgebaut, um für die Menschen dazusein - und auch die "historischen" Kirchen würden wachsen, dabei verwies sie auf die lutherische, eine presbyterianische und auf die anglikanische Kirche (etwas das ich bereits gestern gehört hatte), weil sie endlich die Mauern ihrer Kirchen verlassen würden.

In der Zwischenzeit war 11 Uhr schon längstens vorbei. Eigentlich hatte Juana mir nur gut eine Stunde reserviert.
"Karl", fragte sich mich, als ich schon meinen Notizblock, zusammenpackt, "darf ich dir noch etwas zeigen?"
"Warum nicht - worum geht es denn".
"Ich möchte dir den Salon Blanco, das Büro unseres Präsidenten Allende zeigen, und den Ort, an dem er starb."
Natürlich sagte ich sofort zu.Es waren noch ein paar Telefongespräche nötig, bis sie den "pase" für den "Pastor suizo" hatte und dann gingen wir durch die Moneda hindurch, Treppen hoch, Zwischengänge durch und standen vor dem Ort, an dem Allende am 11.September 1973 mit (fast) allen Angehörigen der Garde starb, im Büro stecken die Kugeln noch in einer der Metallbüsten, die 1973 schon dort stand, und mit einer gewissen Ehrfurcht und Trauer stand ich vor dem Schreibtisch des Präsidenten, der zusammen mit dem chilenischen Volk dieses Land am Ende der Welt in ein blühendes Land der Gleichberechtung, des Friedens und des Wohlstandes für alle verwandeln wollte, und dessen Ziele in einem Meer von Blut und Tränen erstickt wurde, das am 11. September mit dem Bombardement der Moneda seinen Anfang nahm und über Jahre hindurch gespeist wurde von den Taten der Folterer und Mörder, die auf "Befehl von oben" handelten.
An solchen Orten kann man nicht viel sagen - da kann man nur schweigen.

Sonntag, 5. April 2009

"Der Geist ist wichtig...

besonders das Vertrauen in den Heiligen Geist, wenn in der Schweiz und Deutschland wieder mehr Menschen zum Glauben kommen sollen."
Das war die eindeutige Mehrheitsmeinung de Studentinnen und Studenten der UMCE (Universidad Metropolitana de Ciencias de la Educacion), deren Lehrerin mich zu einem Vortrag eingeladen hatte.


Die Einladung hatte ich schon vor einigen Wochen aufgrund meines Buches über die chilenische Kirchengeschichte bekommen, welches Grundlagenliteratur für den Kirchengeschichtskurs ist, den sie an der UMCE hat.
Die 28 Männer und Frauen, die an diesem Vormittag vor mir sassen, lassen sich zu zukünfitigen Lehrerinnen und Lehrern für evangelische Religion ausbilden, denn ab 2011 brauchen alle, die Religion an öffentlichen oder subventinonierten Schulen unterichten wollen, einen staatlich anerkannten Titel.
Ich wusste nicht so recht was ich dort in einer Stunde erzählen sollte. Hatte mir sicherheitshalber ein Exemplar meines "Bosquejo de la Historia de las Iglesias en Chile" eingesteckt und einen kurzen Vortrag über Calvin. Es wäre nicht nötig gewesen. Allein als ich von der Motivation erzählte, die dahinterstannd, als ich dieses Buch schrieb, war Anlass genug in die Diskussion einzutreten, denn das wollen sie, von ihrer Geschichte erfahren, die Geschichte der evangelischen Kirche, ihrer Kirche, obwohl diese zum Teil noch keine 30 Jahre alt ist - und in dieser Geschichte spielt der Heilige Geist eine wichtige Rolle.
Einer der Studenten drückte es so aus:
"Was ist der Unterschied zwischen dem Petrus, der Jesusu verraten hat und dem Petrus, der am Pfingstfest in Jerusalem öffentlich auftritt und sich zu Jesusu bekennt:
DIE TAUFE MIT DEM HEILIGEN GEIST, wie Jesus es laut Apostelgeschichte 1,8 versprochen hat: "Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, welcher auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein zu Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde." (diesen Vers konnte er auswendig) und diese Geistgewissheit müssten alle haben, die sich darauf einlasse, das Wort Gottes weiterzugeben, sei es auf der Strasse, als Religonslehrer oder als Pastor=Pfarrer.
In Chile habe man seit 1909, dem Beginn der Pfingstbewegung, immer wieder erfahren, wie der Geist in den Kirchen wirkt und er sieht es als Aufgabe an von Chile aus, diese Geistgewissheit in die Welt zutragen. (In Tat und wahrheit gibt es invilen Ländern Lateinamerikas chilenische Missiionare, aber auch in Russland und in Deutschland) Für ihn ist das, was damals in Chile geschah, ein Segen.
Gut das war ein Statement - aber ich hörte ähnliches noch ein paar Mal von den 28 Studenten aus 26 verschiedenen Kirchen (nicht Kirchgemeinden).
Diese Ueberzeugung sei wichtig, dass der Geist in einem wirke, und die habe ja auch Willis Hoover gehabt, als er damals 1909 die Vigilien durchgeführt habe, die dann zur Pfingsterfahrung in Valparaiso geführt hätten.
Und warum das bei der presbbyterianischen (reformierten) Kirche denn nicht geklappt habe, damals in Chile, wurde ich gefragt.
Nach Martin Luther wurde ich gefragt und warum die Reformation in Deutschland begonnen habe - aber auch danach, warum die Deutsche Lutherische Kirche in Chile nie Mission betrieben habe, und wie Christen zu Nazis werden können, und ob die Pfarrer in der Schweiz diese Geistgewissheit hätten? Fragen, Antworten und Diskussion ... statt 1 Stunde sass ich fast zwei Stunden im Hörsaal ... und einen Satz habe ich besonders mit nachHause genommen, nämlich die Antwort auf meine Frage, warum sie ReligionslehrerInnen werden wollen:
"In den Kindern und Jugendlichen das Bewusstsein vermitteln und stärken, dass ihr Leben von Gott kommt und sie ihr Leben auf ihn hin ausrichten, damit es ihnen und der Welt gut gehe."
Wenn ich in die Schweiz zurückkomme, werde ich mal nachschauen, was als oberstes Lernziel über unseren Unterrichtsplänen für den Religionsunterricht steht.

Mittwoch, 1. April 2009

Bürokratie = burocracia. ODER: Die Herrschaft der Esel

Zugegeben, der Titel, ein Wortspiel, ist etwas hart, und nicht nur weil der Esel = burro sich mit zwei "r" schreibt.
Aber es gibt Dinge, die für mich schwierig zu verstehen sind.
Also ich will ein Bankkonto aufmachen, nicht für mich, für Jan, meinen Aeltesten, der auf der Suche nach seinen Wurzeln uns aus der Schweiz besucht, damit er nicht mit Bargeld durch Chile reisen muss. Ein Girokonto, klar, das geht nicht - aber ein Jugendsparkonto, das wäre doch was.
Nein, das geht auch nicht. Zwar habe ich das vermutet, bin aber trotzdem zur Banco del Estado, weil diese Bank überall Fillialen hat. Hauptgebäude Providencia. Ein altehrwürdiger Bau, zu vergleichen mit der ehemaligen Credit Swiss am Paradeplatz Zürich
Kontoeröfffnung? Im Keller.
Lange Schlange, man muss (wie überall) eine Nummern ziehen, sonst wird man gar nicht bedient. Von den vier Schaltern sind zwei besetzt. Wie gesagt, wir wollen ein Konto eröffnen. Wartezeit, ca 20 Minuten. Endlich sind wir dran - denn ein Jugendlicher hat gemerkt, dass er am falschen Ort ist und uns seine Nummer geschenkt, sonst hätte es wohl noch mal 10 Min. gedauert. Nachdem ich erklärt habe, was wir wollen lautete die Frage: "Su RUT por favor."
Das war die nach der persönlichen Registriernummer, die jedem Chilenen und Chilenin mit in die Wiege gelegt wird und die er/ sie behält bis ins Grab. Ich versuche der Dame zum zweiten Mal zu erklären, dass wir Ausländer sind. Ja dann müssten wir eine Rut haben. Natürlich haben wir eine Rut, aber mein Ausweis ist nicht mehr aktuell und Jan hat seine CEDULA Chilena als Kind schon lange nicht mehr erneuert.
Ja ohne RUT könne man nichts tun, war ihre lapidare Antwort.
Es geht ja nicht um das Verschieben von Drogengeldern, sondern um ein Jugendsparkonto, versuche ich zu erklären.
Keine Möglichkeit. Nach 15 Minuten verhandeln ziehen wir verärgert und enttäuscht von dannen. Kein Konto - wie will die Bank da Geschäfte machen.

Da ich schon dabei war Tramites (also Behördengänge) zu machen, entschloss ich mich, mein Telefon umzumelden. Ich hatte mir ein Handy gekauft, das aber nicht dem entspricht, was ich brauche und Jan hat mir mein altes Telefon aus der Schweiz mitgebracht. Nun wollte ich den Chip (eines gekauften) Telefons mit mit Pre-pago in dieses Telefon wechseln und die SIM Karte, die sich Blanca gekauft hatte, in das (chilenische) Telefon integrieren. Beide Telefone blieben still. Blockiert.
Ich ging also in das Geschäft, in dem ich das Telefon und die Sim-Karten gekauft hatte, notabene offiziell bei ENTEL selber.
"Keine Chance", erklärte mir - wenig freundlich- die Angestellte. Ich erklärte ihr das Problem. Ich wolle nicht die Gesellschaft wechseln, sondern nur die Simkarte, auf die ich schon 10.000 Pesos einbezahlt hatte, in ein anderes Telefon und das bei ihnen gekaufte Telefon mit einer weiteren Simkarte bestücken. Und ich wolle auf jeden Fall die Nummer behalten, da ich mir extra Visitenkarten habe machen lassen.
"Ja, das sehe der Vertrag (welcher - ich habe gar keinen unterschreiben) nicht vor."
Ich mache ein fragendes Gesicht.
"Nun ja, das stehe auf der Schachtel, in der dieses Telefon verkauft wurde."
Das Problem ist nur, der junge Mann, der uns das Telefon verkaufte, riss die Schachtel auf und montierte die Simkarte.
Ja, das sei halt mein Problem antwortete die Angestellte.
Schlussendlich wurde ich etwas ungehalten. Wer ihr Chef sei. Ich hätte gerne ihren Namen, ihre Rut und den Namen des Chefs.
Jaaa, ihr Chef, der sei weit weit weg.
Nein, nicht den Chef des Aufsichtsrates, sondern ich hätte gerne ihren direkten Chef.

Jetzt kam Leben in das Geschäft, nein, es wurde zunehmend kälter.
Aktion 1: Laden abschliessen
Aktion2: Schild ändern in GESCHLOSSEN
Aktion 3: Telefon nehmen und anrufen.
Nein da meldet sich keiner.
Ich habe Zeit
Nach 10 Minuten hatte die Dame endlich jemanden in der Leitung. Sie erklärte, dass da ein "Gringo" stehe, der nicht einsehen wolle, dass es sein Probleme sei, dass er ein Telefon ENTEL gekauft habe, das ihm nun nichts nutzt, da der Klingelton nicht hörbar ist, und der jetzt denChip aus diesem Telefon in ein anders montieren wolle und und und, und das gehe doch nicht....
Die Antwort habe ich logischer Weise nicht verstanden - Kurz und Knapp wurde mir beschieden ich müsse ins Hauptgebäude: Torre Entel und dort eine "Ejecutiva" konsultieren.
Zum Glück war das Hauptgebäude nicht weit weg. Dort hiess es wieder: Nummer ziehen. Empfangen wird nur nach Angabe der Telefonummer. Ich hatte die Wartenummer 57, Nummer 45 war gerade dran. Auf die Uhr habe ich nicht geschaut. Aber eine halbe Stunde war es bestimmt - als endlich 57 aufleuchtete.
Ich schildere mein Problem.
Sie nimmt beide Telefone entgegen, wechselt die Simkarten. "Es geht doch."
"So? - Aber ein Freitag ging es nicht."
Wenn es wieder nicht gehe, solle ich wiederkommen.
Sie töggelt noch etwas auf ihrem Computer.
MeinTelefon funktioniert immer noch.
Es war wohl doch mein Problem.

Und zum Schluss noch ein allgemeines Problem.
März ist der längste Monat in Chile, weil das Geld am wenigsten weit reicht. Besonders für Familien mit Kindern, denn in diesem Monat wird Schulgeld fällig, bzw Geld für die Universität, Geld für die Uniformen und Geld für Bücher, wie in jedem Monat muss man Miete zahlen und Lebensmittel und vielleicht war man (je nach Einkommen) mehr oder weniger lange in den Ferien, oder zumindest irgendwo auf dem Land. Und dann kommt noch die Steuer fürs Auto - die zu meinem Erschrecken ins Unermessliche gestiegen ist. Ich müsste für mein Auto in Santiago umgerechnet 400 Franken zahlen.
Diese Steuer, die mit einer obligatorischen Versicherung verbunden ist, muss im März bezahlt sein. Bezahlen kann man bei der jeweiligen Komune in der man wohnt, oder der man das Geld gerne geben möchte und die das Geld dann auch bekommt (für Strassenbau etc - so wird es zumindest erzählt.)
Wie gesagt: Zeit 31 Tage im März. Es werden extra Schalter (Container) auf die Strassen gestellt, dass man wirklich auch bezahlen kann.
Gestern war der letzte Tag. Bis vor vorgestern hatten ca 70% aller Autobesitzer bezahlt. Gestern lange Schlangen bis zu 50 Personan an den Schaltern, und das vom Morgen 9 Uhr bis am Abend um 18:30, da bin ich am Rathaus von Providencia vorbei.
Die Menschen warten, weil der Monat finanziell so schwierig ist, bis zum letzten Tag,
Und das geht schon seit Jahren so.
Der Fiscuss weiss doch, dass der März schwierig ist, aber man besteht darauf: im März muss bezahlt werden, und wer keine Geld hat, das Auto braucht und ohne "Permiso" erwischt wird, der bezahlt doppelt.
Staats Diener? Wer ist der Staat? Doch wohl seine Bewohner - aber hier wird "den Eseln" gedient, die Bürokratie feiert fröhliche Urständ.
Wer sagt denn, das es nicht möglich wäre, diese Steuer auch im April oder im Mai zu erheben?

Ja, manchmal werden die Menschen in Chile behandelt wir vor 150 Jahre, als der Peon - der Tagelöhner - zum Patron - dem Landbesitzer - kommen musste, mit dem Hut in der Hand, den Blick gesenkt und darum bat, etwas sagen zu dürfen.
Ob er gehört wurde, das ist noch einmal eine ganz andere Frage.