Sie bleibt noch nachzutragen, die Begegnung mit meiner chilenischen Vergangenheit. Es kommt einem ja so Manches in den Sinn, wenn man nach 10 Jahren wieder durch die Strassen läuft, die während 6 Jahren Teil der (Wahl)heimat waren; wenn man auch Zeit hat, darüber nachzudenken was war, und weshalb man heute da steht, wo man ist. Wenn man, wie in einem Spiegel vorgehalten bekommt, dass die Jahre nicht ohne Spuren vorbeibeigegangen sind, nicht an Ivan Zamorano - dem chilen. Fussballspieler, der eine zeitlang in Sankt Gallen spielte, und der heute Morgen in den Nachrichten war, da er an einem Benefizspiel teilnahm -und auch an einem selber nicht. Das sind eher so allgemeine Gedanken, die mir hier und da durch den Kopf gehen, manchmal diffus, manchmal bewusst, mit Aha-Effekten und auch mal mit einer gewissen Nachdenklichkeit.
Doch eine Begegnung mit meiner Vergangenheit, fast wie ein Blitzlicht, das die Bilder in schärfere Konturen stellt, hatte ich vergangene Woche:
Dieses "Blitzlicht", das diese Begegnung "erhellte", war das Treffen mit Dr. Sabine Dievenkorn, Mitarbeiterin von mission 21 in Concepcion. "Sabine Dievenkorn ist promovierte Theologin, Pastorin und Lehrerin. Seit März 2008 arbeitet sie als Dozentin für Praktische Theologie an der Evangelischen Theologischen Fakultät der CTE am Sitz in Concepción. Andreas Dievenkorn hat zugunsten der Familie bei Geburt der Kinder seine selbständige Tätigkeit in der Baubranche aufgegeben und widmet sich in Chile den vielfältigen Aufgaben mit den Kinder Ruben (6) und Liv (2) und dem Haushalt. ... Das Bildungsangebot der Evangelisch-Theologischen Gemeinschaft von Chile (CTE) ist aufgeteilt in ein Universitäts- und ein Extensionsprogramm. Als einzige theologische Ausbildungsstätte Chiles mit einer ökumenischen Trägerschaft bietet die CTE Studierenden aus allen Kirchen eine Aus- und Weiterbildung auf Universitätsniveau an, wobei die Abschlüsse staatlich noch nicht anerkannt sind. Im Vordergrund steht nicht nur die Wissensvermittlung, sondern es wird ein ganzheitlicher Entwicklungs- und Reifeprozess der Studierenden angestrebt." (Aus de Projektbeschreibung mission21)
Nun ja, an der CTE war ich von 1990 bis Ende 1996 als Dozent tätig, zwar in Santiago, aber das hiess Reisen nach Concepcion inbegriffen. Aber ich will nicht (in erster Linie) über die CTE schreiben, sondern über die Begegnung mit meiner Vergangenheit aufgrund dessen, wie Sabine mir ihre Ankunft in Chile beschrieb, wie sie ihre Arbeit in Concepcion heute sieht und aufgrund der Fragen, die sie mir stellte:
Kalt war es damals, als wir anfangs Oktober 1990 aus dem Flugzeug stiegen, dass uns via Sao Paolo nach Santiago gebracht hatte. Am Flugplatz wurden wir abgeholt. Unsere spanischkenntnisse waren sooo klein - und die englischkenntnisse unseres gegenübers nicht viel grösser.
Und dann hat man uns "abgestellt", bei einer "Schlummermutter" in der Nähe der Avenida Matta. Unsere Kids waren damals gerade mal 3 3/4 Jahre und wenige Wochen alt, zwei (kalte) Zimmer und der Kerosenofen stand in der Küche bei Sra. Maria. Wir wurden bekocht und krampfhaft versuchten wir ein paar Brocken zu verstehen. Es war die Zeit des "Uebergangs" in Chile, für uns und für die Chileninnen und Chilenen, nach 17 Jahren Militärdiktatur.
Für uns allerdings war unsere persönliche "Transicion" gar nicht so glücklich, wir fühlten uns wie eingespert. Waen nciht wir selber. Zwar hatten wir usnere Koffer, aber der Rest (Bücher, Computer, Kleider, Bettzeug) war noch in Fässern - irgendwo im Hafen von Valparaiso. Langsam wagten wir uns auf die Strasse, Sra. Maria immer überängstlich, wollte uns nicht gehen lassen, und von der CTE liess sich keiner blicken.
Abgestellt.
Kein Telefonanruf, nichts. Ich hatte keine Telefonnummer. Nichts. Keine Nachfrage wie es mir/uns geht. Keine Einladung zu einem Gespräch. Keine Einladung zur Vorstellungsrunde der übrigen MitarbeiterInnen.
Und das war das Echo auf die (verzweifelte) Anfrage aus Chile für einen Kirchenhistoriker.
Nach 10 oder mehr Tagen war ich es leid und wagte mich auf eigene Faust los. Welchen Bus muss ich nehmen? Wo muss ich aussteigen? (Zur Erinnerung es gab damals noch keine Bushaltestellen und der Bus hielt, wenn man ein Zeichen gab, zum Ein- bzw. zum Aussteigen).
Ich schaffte es zur CTE zu kommen und wurde dort vom damaligen Rektor herzlich mit einer Mischung aus spanisch und deutsch begrüsst.
Ich hatte eher das Gefühl: "Ach der ist auch noch da", denn gerade am Ende der Diktatur, hatten auch andere Institutionen der "ersten Welt" ihre Mitarbeiter nach Chile geschickt - und so sah ich mich bei der offiziellen Einladung ein paar Tage später umringt von einem kanandischen Mennoniten und einem nordamerikanischen Metodisten, die beide auch gerade angefangen hatten, zudem war da ein weiterer Nordamerikaner, der schon einige Zeit im Haus arbeitete, genauer im Fernkurs(Extensions)programm und ein Holländer, Stefan de Jong, der Altes Testament unterrichtete.
Im Rückblick kam ich mir recht überflüssig vor - und das blieb so, bis in Ende Februar und darüber hinaus.
Das gab mir/uns allerdings auch die Chance mit Hilfe von Roberta (Bacic) einer sehr guten Lehrerin, Spansich zu lernen. Dazwischen hatte ich einen "Auftritt" auf der "Universidad de Verano", einer Fortbildungsreihe einer der presbyterianischen Kirchen - und das wars dann bis März. Da hatten wir zumindest ein Haus gemietet und die Gesamtsituation hatte sich etwas gebessert. Und eine Hausangestellte hatte wir auch, eine ganz einfache Frau, Analaphabetin, die wir auf bitten des Vermieters mit übernommen hatten. Das klingt allerdinsg einfacher als es in wirklichkeit war.
Dazwischen waren Ferien, die war "genossen", mit dem eignen Auto, einem Chevrolet LUV 4X4 in den Süden und ich mit einer Muschelvergiftung, nach allen Regeln der Kunst, die mir wochenlang zu schaffen machte.
Jan, der Aelteste hatte grosse Adaptionsschwierigkeiten an den Kindergarten und wollte nach drei Wochen nicht mehr gehen, etwas das sich zum Glück mit dem neuen Semester änderte.
All das steht mir vor Augen als wäre es gerade erst passiert.
Meine "Arbeit" im nächsten Trimester bestand darin, dass ich Titus Guenther, meinen mennonitischen Kollegen zu seinen Vorlesungen inKirchengeschcihte begleitete.
Es war schwierig, nein schwer, diese erste Zeit. Die ganze Familie war wie orientierungslos. Wir die Erwachsenen waren mit viel Motivation losgezogen - und jetzt war es für uns so, als wären wir weder erwartet noch gewollt. Die Kinder waren ja nicht gefragt worden und Jan ging nur mit seinem Rucksack schlafen und fragte, wann wir wieder zum "Grosi" gehen. Wir wussten es doch selbst nicht.
Auch als ich dann endlich einen eignen Kurs hatte, hatte ich doch das gefühl, es sei der Leitung gleich. Nicht einmal, dass der Dekan im Unterricht vorbeigeschaut hätte - aber das ist wohl auch ein Kulturunterschied.
Erst nach bald zwei Jahren kam "meine Chance". Die lutherische Kirche, genauer, die eine lutherische Kirche, die IELCH hatte mich zu einem Vortrag anlässlich der Synode eingeladen. DAs Thema durfte ich selbst bestimmen: Es ging um die Vergangenheit dieser (deutschen) Kirche an der "Westküste", so der Name Chiles im Sprachgebrauch der Nazis von 1933 - 1945. Der Vortrag war nicht schmeichelhaft für die Kirche, aber so gut, dass der Dekan der CTE, der (per Zufall?) anwesen war, mir gratulierte und sagte: das wird veröffentlicht. Von nun an hatte ich das Gefühl, zur CTE dazuzugehören.
Nein. All das habe ich Sabine nicht oder nur zum Teil erzählt, denn eigetlich hatten wir uns getroffen, dass sie erzählen kann, wie es ihr, wie es ihrer Familie so geht, nach einem Jahr Chile, nach einem Jahr CTE und ihr jemand zuhört, der einen ähnlichen Weg gemacht hat.
Viel hat sie erzählt, die Zeit verging wie im Flug. Der Nachmittag war schnell vorbei.
Meine Gedanken stehen oben. Ihre - villeicht im nächsten Rundbrief, der bei mission 21 in 4003 Basel zu beziehen sein wird.
Nachtrag: Was ich gerade lese?
Helmut Frenz: Mi vida chilena - Solidaridad con los oprimidos. Erschienen 2006 bei LOM
