Donnerstag, 15. April 2010

Erschüttert V



In China bebt die Erde, in Island bricht innert kurzer Zeit einVulkan zum zweiten Mal aus - und im Süden Chiles nehmen die Nachbeben und Erschütterungen kein Ende, nicht nur die der Erde, sondern auch die der Menschen. Vieles ist mit dem Beben in Frage gestellt, selbst der eigene Glauben.
Sabine Dievenkorn, eine Mitarbeiterin von mission21/Basler Mission im Süden Chiles schreibt von den seltsamen theologischen Blüten, die das Beben treibt: "Ich habe `richtig` geglaubt, darum steht mein Haus noch", konnte man in einigen Predigten hören. Der Umkehrschluss wäre ja dann, weil Du den falschen Glauben hast, darum ist dein Haus zerstört. 
Und es gibt Menschen, die ihrem Pastor das auch so abnehmen. Was aber heisst das für die stark zersplitterte (evangelische) Kirchenlandschaft? Sind das die "richtigen" evangelischen Kirchen, deren Kirchengebäude  noch stehen? Und wie ist es zu werten, dass die römisch-katholische Kirche Chiles letzte Woche meldete, dass 47% aller Kirchengebäude vom Erdbeben mehr oder weniger stark betroffen sind?
Hier ist denke ich, ist ehrliches Theologenhandwerk und nicht billige Polemik gefragt -Und Hilfe ist gefragt. Das täglich Leben ist immer noch lange nicht im "normalen Bereich". Ich zitiere aus einem Mail:

"Wir helfen ganz privat und ganz direkt in Talcahuano und Dichato. Aber es geht nur langsam voran und nicht jede Hilfe wahrt die Würde der Empfangenden.
Andreas arbeitete in der letzten Woche in Talcahuano mit den Fischern am Wiederaufbau eines sozialen Zentrums der Gewerkschaft. Gewerkschaft hat ja hier nicht nur einen andern Klang, sondern auch eine andere Bedeutung. Hier, wo die, die wegen des wirklich unsozialen Kapitalismus hier, keine Unterstuetzung bekommen, nicht bei Arbeitsverlust, nicht bei Krankheit. Sie arbeiten wie die Tageloehner von einst. Und der Tageslohn liegt - ich wage es kaum zu schreiben -
oft bei weniger als 10.000 chilenische Peso am Tag, das sind etwas mehr als 10 Euro, aber keine 15 Euro.
Privatinitiativen haben in Kooperation mit der katholischen Kirche den Staat unterstuetzt, der jetzt beginnt Haeuser anzubieten,“Techo para Chile“ – ein Dach fuer Chile. Das sind, man kann es nicht glauben, Spanplatten, die mit Dachlatten auf einem Raum von 2 x 4 m fuer eine Familie angeboten wird. Darueber ein Dach, aber denk bitte nicht, da wuerde irgendetwas winddicht oder regendicht verbunden!! Es gibt kein Wasseranschluss und schon gar keinen Strom. Wo die Leute ihre Toiletten haben, ueberlasse ich jetzt gern Deiner Fantasie und verspreche Dir, sie kann die Realitaet nur vage abbilden. Denkst Du an Duschen, Waschen, an Schlafen in einem Bett - geschweige denn, in einem pro Person -, an Matratzen, Kopfkissen, an Stuehle, Tische, Tassen, Teller,  Loeffel, Gabeln – vergiss es. Gestern zeigte uns ein Fischer, der seine Holzhuette, sein „Zelt aus Holz" mit Blechresten aussen zu verkleiden versucht, die Naegel, die er benutzt: Mit deutschen Worten: Schrott, unbrauchbar, krumm, verrostet – selbst Andreas war den Traenen nahe, als er diesen ueber 60jaehrigen Mann sah, der mit zwei Steinen auf dem Boden sich muehte, die krummen Naegel in eine Form zu klopfen, die den Namen“ Nagel“ wenigsten annaehernd nahe kommt. Der Fussboden ist in den meisten Unterkünften die pure Erde. Und mann muss Mutter Erde schon sehr moegen, um sich hier nicht entwuerdigt zu fuehlen. 
 
 
 
Und die, deren Hauser hier von der Welle verwuestet wurden, hatten ja noch einen Feind mehr: manchen Nachbarn, der die herumliegenden Sachen wie Strandgut betrachtete und mitnahm, was ihm nuetzlich schien... Bilder der Pluenderungen, des „saqueo“ gingen ja um die Welt.
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Es ist ja jetzt Herbst. Der Winter kommt und das heisst hier an der Kueste Regen, Regen, Regen. Ewiges Novemberwetter. Kalt, feucht, grau.  Ein Platzregen, der ohne Mühe auch 14 Tage dauern kann. Die Strassen verwandeln sich zu Fluessen. Die Familie, die wir unterstuetzen, hat 4 Generationen. Die Omi, mit Tochter und Mann, die wiederum zwei Toechter hat, Mara und Paola, die jungen Maedchen 18 und 20. Eine davon, Paoloa, mit Freund und zwei kleinen Kindern, 4 und anderthalb Jahre. ... zum Glueck retteten sie noch zwei Huehner. Aber was heisst schon Glueck in diesem Zusammenhang und angesichts dieses Dramas. Ihr Zelt steht jetzt in Dichato etwas hoeher, als vorher ihr Haus und so haben sie taeglich, stuendlich, ja immer den Blick auf die Bucht und das Desaster, den verwuesteten Ort, wo ihr Heim einst war. Die Schule hat noch immer nicht überall begonnen, wo auch. Erste Versuche sollen jetzt in der nachösterlichen Zeit gemacht werden.
Aber in den Turnhallen, wo die Leichen der Opfer lange zur Identifizierung lagen, mag keiner sein. Wie auch. Funktionalismus ist eben auch nicht immer hilfreich. Gestern Leichenhalle und Raum der Anatomie, heute Unterrichtsraum fuer Mathematik, Sport und Musik – wie soll das gehen?
Es muss!!"

Es muss. Es braucht aber wohl Einiges an Energie, dieses "müssen" auch umzusetzen. Energie und Hoffnung, auf ein Morgen und ein Uebermorgen.
Wo kriegt man das, angesichts von Not, Elend und Zerstörung her?

PS: Alle Fotos = Dr. Sabine Dievenkorn, für mission 21 in Concepción, Chile