Dienstag, 9. März 2010

Erschüttert III

Nachfolgend ein Interview, das ich Andrina Speziale von Koch Media/Thurgauer Kirchenbote gegeben habe. Das Interview ist Grandlage für einen artikel der in der Aprilausgabe des Kirchenboten erscheinen wird



Was machten Sie in Chile? Warum?

Ich war von Oktober 1990 bis Februar 1997 im Auftrag der Basler Mission als Dozent an der Comunidad Teológica Evangélica de Chile in Santiago de Chile tätig. Zunächst wirklich als Dozent, später dann auch als Dekan des Instituts. In dieser Eigenschaft gehörten dann neben der Dozententätigkeit in Kirchengeschichte auch die akademische Leitung sowohl des Sitzes in Santiago als auch in einem gewissen Grad in Concepción, ca. 500 km südlich der Hauptstadt gelegen.
Zudem war ich Vizepräsident eine Nichtregierungsorgansation, KAIROS, die bis heute in zwei Armenvierteln in Santiago im Bereich von Kinder, Jugend- und Frauenarbeit tätig ist.
Ausserdem hatte ich im Rahmen meines Bildungsurlaubs 2009 die Möglichkeit die Kontakte zu den verschiedenen Kirchen die seit 1990 entstanden waren zu vertiefen und damit ein Stückweit mich auch von der Nachhaltigkeit mein es Einsatzes in den neunziger Jahren überzeugen.

Selber so etwas erlebt, als Sie dort lebten?
Nun Chile ist ein Land mit einer starken Erdbeben und Vulkantätigkeit, sodass kaum eine Woche vergeht, an der es nicht irgendwo
„rumpelt“, wie in der Thurgauerzeitung von heute (06.03.) zu lesen war. Zumal jeder Erdstoss von mehr oder weniger starken „Nachbeben begleitet ist. Wenn sich hier im Thurgau die Erde mit 3.6 Grad Richter bewegt, was schon fast ein Maximalwert in der Schweiz ist, dann sind die Nachbeben kaum mehr spürbar.
Nach dem schweren Beben vom 27. Februar mit der Stärke 8.8 sind die Nachbeben noch über Monate spürbar und zwar mit 5.0 und mehr.
Nun zur Ausgangsfrage, ob ich selbst so etwas erlebt habe.
Mein erstes „Erdbeben“, das war ein etwas komisches Gefühl eines Nachmittags am Schreibtisch, so etwas wie eine kurze Blutleere im Kopf, als begann sich ein bisschen „schwammig“ zu bewegen, ich dachte noch was ist den jetzt los, dann war es schon vorbei, an der Wäscheleine tanzen einig einsame Klüppli auf und nieder – und da wusste ich. £Das war ein Erbeben.
Meine Chilenischen Kollegen lachten mich dann aus, als ich ihnen am nächsten Tag erzählte, dass es gestern ja ein „Erdbeben“ gegeben habe. Das war lediglich ein kurzer Erdstoss, ein „Temblor“, ein Beben, ein „Terremoto“, das sei etwas ganz anderes.
Aber auch die Erdstösse haben natürlich verschiedene Intensitäten, einmal kam es so heftig, dass die Fensterscheiben klirrten und die Sachziegel einen Lärm verbreiteten, als sei eine Herde Elefanten auf ihnen unterwegs – aber die Scheiben hielten und die Ziegel blieben auf dem Dach.
Richtig heftig habe ich es dann doch noch eines Nachts erlebt, und da bewegte sich nun wirklich der Boden unter den Füssen, ich hatte das Gefühl, der Plättliboden kommt mir in Wellen entgegen, und dann fiel auch schon der Strom aus. Alle liefen entsetzt aus dem Haus, einige versuchten sich per Telefon ein Bild von der Lage zu machen, aber die Telefonverbindungen waren tot. Überall hupten die Diebstahlsicherungen der Autos und heulten die Sirenen der Alarmanlagen in den Nachbarhäusern.
Gespenstisch war es – aber nur für eine Viertelstunde.
Dann war das Licht wieder da, die meisten Alarmanlagen abgestellt, und irgendwo in Santiago war eine Mauer eingestürzt, die ein Passanten unter sich begraben hatte, Im Norden des Landes, nahe des Epizentrums seien die Schäden im Einiges Grösser, war am nächsten Tag den Medien zu entnehmen, Häuser zusammengestürzt und Brücken unpassierbar, aber das hatten wir schon wieder ein paar Stunden Schlaf hinter uns, um unterschied zu denen, die das Beben im Norden unmittelbarer erlebt hatten und sich vor Angst nicht in die Häuser gewagt hatten und nun gezwungen waren, die Nacht auf der Strasse zu verbringen.
Ein Beben der Stärke 8.8 habe ich aber nicht einmal annähernd miterlebt.


Wie erleben Sie die Zeit nach der Katastrophe als „indirekt“ Betroffener?
Nun – in der Zwischenzeit schon wieder sehr viel ruhiger. Der Schreck am 27. Als ich um 16. Uhr die Nachrichten hörte war sehr gross, und dazu kam das Entsetzen, als ich die Bilder im Fernsehen sass.
Meine Frau, die aus Chile stammt, und ich wir haben dann versucht mit ihren Verwandten Kontakt aufzunehmen, was erst spät in der Nacht gelang, und da nicht einmal nach Santiago.
Nun wussten wir zumindest, dass nördlich von Santiago wirklich alles in Ordnung war. Unsere Gedanken kreisten aber um Verwandte und Freunde in Santiago, hier kam eine Telefonische Verbindung erst am Sonntagnachmittag zustande. Was uns etwas beruhigte war, dass die Opferzahlen zwar von Stunde zu Stunde stiegen, aber nicht so rasant wie es nach den Bildern zu erwarten war.
Es war eine Zeit des Wartens und Bangens, erst am Dienstag war es Möglich telefonische mit meiner Schwiegermutter in Santiago aufzunehmen – und vom Süden wussten wir immer noch nichts, und so war die Erleichterung gross, als ich via mail und Kontakten zu mission 21 erfahren habe, dass Freunde und Arbeitskollegen von früher in Concepcion soweit wohlauf sind. Über die Schäden an Gebäuden wird in den ersten Tagen nicht gesprochen, das kommt erst an zweiter Stelle, zunächst ist jede® Froh wenn er und Verwandte und Freunde zumindest körperlich unversehrt davongekommen sind.


Wie kann man den Chilenen wirklich helfen? Was raten Sie Christen im Thurgau zu tun?
Nun das ist eine nicht ganz einfache Frage, denn das wichtigste nach so einer Katastrophe ist, die Opfer zu begleiten, ihnen zu verstehen zu geben. Du/ Ihr seid nicht allein, dazu kommt die Erstversorgung der Verletzen, Bergung der verschütteten und Beerdigen der Toten.
Nun ist Chile ein Land – sagen wir mal - mit Erdbebenerfahrung. Trotz des immensen Chaos, war die Lage in Santiago bald unter Kontrolle, Schwieriger wurde die Situation wenn man ins weiter südlich gelegene Talca und Concepcion wollte, hier dauerte die Orientierung länger, und wenn man an die verheerenden Folgen des Tsunami denkt wohl zu lang. Auch die Versorgung der Bevölkerung war anfangs sehr sehr schlecht. Ob es ein guter Entscheid der Staatspräsidentin war nicht sofort Hilfe von aussen anzufordern, möchte ich hier hinterfragen, aber das ist nun mal geschehen.
Jetzt geht es um den Aufbau der Infrastruktur, Strassen, Brücken, Schulen , Kindergärten, Kirchen- und natürlich von Häusern und hier sind helfende und offene Hände gefragt. Mit anderen Worten: der Staat, die Kirchen und Privatpersonen brauchen Geld – und dieses Geld muss gut eingesetzt und kanalisiert werden.
Es gibt bereits einige Spendenkonten und dabei ist wichtig, dass diese Organisationen dann auch wirklich vor Ort tätig sind, und das nicht erst seit der Katastrophe. So hat mission 21, seit einigen Jahren die operativen Tätigkeiten der Basler Mission auch in Chile übernommen hat, ein Spendenkonto eingerichtet und was viel wichtiger ist, auch eine lange Geschichte mit Personen und Netzwerken vor Ort, so dass das Geld zielgerichtet und Nachhaltig eingesetzt wird – und wenn ich ökumenisch Denke, dann fällt mir die Kolping Familie in Chile ein, welche ein gut verzweigtes Netz auch in Chile hat, und dessen Einsatz vor Jahren mich immer wieder freute und überzeugte. Und was wir auch nicht vergessen sollten, die offenen Hände zu falten um für die Menschen und das Land zu beten.
Die Kontonummer lautet: PC 40 – 726233 - 2 Vermerk „Wiederaufbau Chile – Projekt 426.1001


Wie beurteilen Sie die Situation?
Nun bis alles wieder „Normal“ läuft werden Monate, wenn nicht Jahre vergehen, und jetzt rede ich von den Materiellen Schäden, was die Menschen angeht, werden bei einigen Trauma entstanden sein, die sich fast nicht heilen lassen. Gut ist, dass es seit einigen Tagen wieder Wasser, und Lebensmittelgibt, auch Strom und Telekommunikation.
Die Plünderungen besonders in Concepcion wurden mit militärischem Einsatz gestoppt, und muss ich für mich ein Fragezeichen setzen. Es war in meinen Augen richtig hier das Militär einzusetzen, was mich erschreckt, dass nun Menschen aus der Region nur noch dem Militär zutrauen die Lage im Griff zu haben.
Für mich, der die Rolle der Militärs von 1973 bis 1990 immer wieder kritisch hinterfragt und wegen der Missachtung der Menschenrechte kritisiert hat, ist das ein Schock, der fast so nachhaltig ist wie das $beben selbst, nämlich wie schnell können Menschen vergessen, was ihnen angetan wurde, als das Militär die Strassen regierte.

Wie steht es um die Ortschaften, wo Sie persönlich waren?
Etwas sarkastisch bemerkte ich beim Anblick der Bilder von Constitución, einem Fischerdorf an der Küste ca. 300 km südlich von Santiago: Nun hier holst Du Dir keine Muschelvergiftung mehr ( In meinen ersten Familienferien 1991 hatte ich mir eine fürchterliche Vergiftung geholt). Von den Häusern an dieser Strasse steht keines mehr. Auch in Santiago gibt es in dem Stadtviertel, in dem Meine Frau wohnte und das wir noch im vergangen Sommer besucht hatten, empfindliche Lücken, vor allem bei den alten Häusern die den verblassten Charme einer ehemaligen Grösse und Wichtigkeit rund um den Hauptbahnhof spiegelten.
Concepción und vor allem die Hafenstadt Talcahuano, werde ich wohl bei meinem nächsten Besuch nicht in allen Teilen wiedererkennen, denn hier sind die Schäden immens.

Kennen Sie vom Erdbeben Betroffene?
Ich bin in der glücklichen Lage Gott Dank sagen zu dürfen, dass aus meinem direkten Verwandten und Freundeskreis keine Todesopfer zu beklagen sind. Materille Schäden, das ja, und die sind dann auch schwer, wenn man nach 15 Jahren Arbeit, Studium, Teilzeitarbeit nun endlich eine Feste und Gut bezahlte Stelle hat und damit die Grundlage um einen Kredit anzugehen für ein eigenes Haus – und nun vor den Trümmern steht, das ist bitter.
Ein Blick auf die Kirchen und deren Pfarrerinnen und Pfarrer.
Hier ist jetzt ganz viel Arbeit, um die Gebäude wiederherzustellen, und vor allem die Menschen zu begleiten – und zugleich kommt mir aus den Mails neben der Wut über die, welche die Situation nun ausnutzen um zu stehlen und zu Plündern, ganz viel Gottvertrauen entgegen und Mut, die Situation zu ändern.
Chile wollte dieses Jahr gross die 200 Jahre seien Existenz als Nation feiern.
Manches wird wohl anders gefeiert werden müssen, aber es wäre nicht Chile, wenn man sich nicht sofort und gemeinsam an den Wiederaufbau machen würde – auch mit dem Blick nach oben.