nun das war ja kein Sonntag, wohl aber ein Feiertag - und denn feierten wir zusammen mit den Gemeindegliedern der 1. Kirche der Misión Wesleyana Nacional in Santiago.
Die Wesleyana Nacional ist eine Kirche, " die sich nicht nur der Seele des Menschen, sondern des ganzen Menschen in seiner Gottverlassenheit annahm und die die politischen Implikationen dieses Handelns in ihr Programm aufnahm" (Karl F. Appl, Die Geschichte der evangelischen Kirchen in Chile, Erlanger Verlag 2006, S. 188) - und das wurde auch im Gottesdienst deutlich, in dem der 71. Geburtstag dieser (Pfingst)Kirche in Santiago gefeiert wurde, entstanden war sie in den Arbietervierteln der Kohlegruben im Süden Chiles, in Lota, in den 20 er Jahren des letzten Jahrhunderts, als der Methodistenpastor Victor Mora erkannte, dass Gebet und Handeln der Kirche übereinstimmen müssen.
Da es ein Festgottesdienst war, zu dem Eduardo Cid, der Pfarrer dieser Kirche mich eingeladen hatte, war damit zu rechnen, dass es etwas länger gehen würde. Wir hatten vereinbart, dass ich gegen 10:20 Uhr an der Metrostation "Ciudad del Nino" abgeholt würde - und von da ging es dann mit dem "Colectivo" - das ist eine Art Taxi, das immer die gleiche Route fährt und immer vier Menschen in einen einfachen PKW packt - zur Kirche. Zwar sollte der Gottesdienst um 10:30 anfangen, aber ausser dem Pfarrer, seinem Bruder und seinem Vater, der Band und knapp 10 Gemeindegliedern, war noch niemand da. Es wurde dann fast 11:00 bis der Gottesdienst anfing, nicht ohne den Hinweis, dass heute der Tag der Arbeit und damit der Tag der Arbeiterinnen und Arbeiter sei. Gesungen wurde aber dann die chilenische Nationalhymne und NICHT die Internationale, obwohl der Gründer der Kirche, Victor Mora, eine Zeit für die Volksfront im Stadtparlament von Concepcion sass und der Leitspruch der Kirche EIN GOTT - EIN VOLK - EINE SOZIALE KLASSE ist.
Also die Band (zwei Gitarren, ein Bass, eine Ziehharmonika) spielte laut, die gut 70 Gottesdienstbesucher versuchten mitzuhalten. Der Gottesdienst war geprägt von Lobgesängen, aus dem Gesangbuch, dem Gebet für die Geschwister, an dem alle Pfarrer und Prophetinnen teilnahmen und das knieend im vorderen Teil der Kirche laut gebetet wurde.
Danach wurden die Gäste nach vorne gebeten, damit sie auf der "Bühne" Platz nehmen.
Dieser Moment markierte den Beginn der Geburtstagsreden. Zunächst sprach Eduardo Cid, dann sein 87 jährigen Vater, der einmal Pastor an der Kirche war, und der im Rollstuhl sitztend mit fester Stimme an die Kämpfe in der Zeit der Diktatur erinnerte, und der die Fahne mit der sie damals zu den Demonstrationen gezogen waren, seinem Sohn überreichte, verbunden mit der Ermahnung, dass die Kirche nie vergessen dürfe wo sie stehe: auf Seiten Gottes für den Menschen.
Anschliessend folgten die Reden der Nachbarpfarrer, immer wieder unterbrochen von Liedern aus dem Gesangbuch, danach richtete Pastora Mary, die Ehefrau des lange schon verstorbenen Bischofs Edgar Toro, ein Wort an die Gemeinde.
Zuletzt wurden die Gäste, die nicht Pfarrer dieser Kirche sind, gebeten ihre Grussworte auszurichten, nämlich Juana Albornoz, die evangelische Pfarrerin im Regierungspalast, der Moneda, danach ich, der ich die Grüsse der Basler Mission und von mission 21 ausrichtete. Denn Abschluss der Gratulationsrunde machte Claudio Gonzales von FASIC, einer den Kirchen nahestehenden Menschenrechtsorganisation.
Dann (endlich) kam die Geburtstagstorte, Tiramisu mit einer grossen Kerze, und für jeden Gottesdienstbesucher gab es ein Geschenk: ein Lesezeichen mit einem Bibelvers und einen Kugelschreiber.
Die "GeburtstagsPredigt" hielt Eduardo Cid über einen Satz aus den Philipperbrief und verband ihn mit dem Jahresthema der Kirche: Auf Christus trauen und ihm gehorchen.
Die war dann zum Glück kürzer als die Reden, so dass dann eigentlich nur noch das Einsammeln der Kollekte und die Mitteilungen kamen - diese aber zogen sich sehr in die Länge, da Eduardo ankündigen musste, dass die Tochter eines Gemeindegliedes schwer erkrankt sei und im Spital in Rancagua leige.
Es wurde beschlossen für sie zu beten, und alle standen auf, wendeten sich gegen Süden (dort liegt, von Santiago aus gesehen Rancagua) und beteten lange und einige laut, für diese junge Frau. Auch die Prophetin - es gibt in dieser Kirche Prophetinnen - die gegen Ende des Gottesdienstes Gott lobte, nahm Zeit in Anspruch. Kurz nach 14 Uhr wurde der Gottesdienst mit dem Segen und dem Friedensgruss abgeschlossen, nicht ohne eindringliche Einladung zum gemeinsamen Mittagessen, das in chilenischen Kirchen aus Hühnerbein und Reis zu bestehen scheint - zumindest gab es das bislang jedesmal, wenn ich auf einer kirchlichen Veranstaltung zum Mittagessen eingeladen war.
Im Gemeindesaal sassen 40 - 50 Personen eng zusammen. Die Hühnersuppe mit Gries wärmte - denn seit zwei Tagen ist es in Santiago Herbst geworden - und danach die Schenkel mit Reis und Kartoffelsalat, grüner Salat und Tomatensalat - alles zubereitet von Frauen in der Gemeinde....
Selbstverständlich bekam jeder ein Stück der selbstgemachten Geburtstagstorte.
So kurz vor 16 Uhr beschlossen Blanca und ich, uns durch die Poblation auf den Heimweg zu machen. Da wir aufgrund der 1. Mai Kundgebung Unruhen im Stadtzentrum befürchteten (die waren dann aber weniger heftig als z.B. in Berlin) nahmen wir die Metrolinie, die ums Zentrum herumfährt. Als wir Zuhause waren wurde es langsam dunkel.
Kirchgang kann ein Tagesprogramm sein .....
vielleicht haben wir aber auch einmal mehr die "long version" erwischt , wie am Abend vorher, an dem Feilipe, einer der Sänger des Studentenchores der Univesidad Catolica uns zum letzten Konzert der Reihe "Musica Sacra" eingeladen hatte.
Bachs Matthäuspassion stand auf dem Programm: ein fast dreissigköpfiger Chor, sechzig Männer und Frau sassen im Orchester und 5 Solisten gaben ihr Bestes, wenn man bedenkt, dass die meisten von ihnen in einer ihnen unbekannten Sprache sagen.
Wir sollten ca. eine Stunde vorher da sein, meinte Felipe, also gegen 18:30 Uhr. Als wir kamen schlängelten sich die Warteschlagen bereits durch das Gelände der Universidad Catolica. Ich hatte wenig Hoffnung, dass wir noch einen Platz bekommen würden.
Einlass war eine Viertelstunde vorher. Hinein durften wir noch, aber zu einem Platz reichte es wirklich nicht. Es war wie Woodstock, man sass wo es Platz gab, auch in den Gängen. Die Ordner versuchten wenigstens die Fluchtwege freizuhalten. Für 500 Personen wäre Platz gewesen. Ich schätze es waren zwischen 600 und 800 in der Universitätskirche.
Platz gab es nach der Pause um 21.30 Uhr. Das Konzert endete gegen 23 Uhr. Bis wir zuhause waren, war es 23:30 Uhr. Zum Glück hatte Felipe uns mit dem Auto mitgenommen.
Die Wege sind eben hier länger als anderswo - doch das Konzert der junge Künstler war es sicher wert.
