Montag, 4. Mai 2009

Sonntag und Kirchgang IX

es ist kalt geworden in Santiago.
Zwar bricht die Sonne noch durch, aber sie wärmt nicht mehr.
Schon am Freitag war es in der Kirche in San Miguel nicht besonders warm, und gestern (Sonntag) in der evangelisch lutherischen Kirche ( IELCH) der Gemeinde "El Buen Samaritano" in Peñalolén war es nicht viel wärmer. Daher war der Segenswunsch von Pfarrer Pedro Zavala wohl für alle Gottesdienstbesucher sehr verständlich: "Möge Gott dich in diesen kalten Nächten bedecken wir eine wärmende Decke."
Ueberhaupt war diese Sonntagspredigt in Manchem anders, was wohl damit zusammenhängt, dass die Kirche (mit 230 Mitgliedern) in Peñalolén steht, einem Stadtgebiet von Gross-Santiago, das, je nachdem in welchen Teilen der Komune man ist, geprägt ist von grosser Armut, bis hin zur oberen Mittelklasse, die dann "natürlich" hinter hohen Mauern in ihren eigenen "Condominios" lebt, mit Wächtern am Eingang und einem eigenen Sicherheitsdienst.
Im Gottesdienst sassen die, die keine eigenen Wächter haben, und wo, wenn man Pech hat, nicht einmal die Feuerwehr hinkommt, zunmindest nicht, bevor das Haus abgebrannt ist: einfache Männer und Frauen, ca 35 Personen. Es waren auch 5 Kinder dabei. Eigentlich wären sie ja in der Sonntagsschule gegangen, aber eine der Mitarbeiterinnen war krank, die andere musste kurzfristig umdisponieren, weil sie arbeiten musste - und Arbeit haben ist in einem Gebiet, in dem die offizielle Arbeitslosigkeit bei ca. 15% liegt (inoffiziell dürfte sie zwischen 20 und 25% liegen) ganz wichtig.
Und so war auch Pedros Predigt über den "guten Hirten" eine auf dem Evangelium bassierende klare politische Predigt, indem er fragte: Wo sind denn unsere Guten Hirten? Vor der Wahl, da sehen wir sie, aber anschliessend - dann wenn wir sie nach der Wahl brauchen, dann erweisen sie sich als Mietlinge, als solche, die für Geld arbeiten, und nicht weil ihnen die Schafe wichtig wären. Und die, die Schafe, die brauchen Wasser und Strom, brauchen Kerosen und brauchen Arbeit für das tägliche Brot, dass nicht immer auf dem Tsich steht.
Mutig und deutlich war er in seinen Worten, auch in dem er sagte, dass uns, und damit meinte er die ganze Gemeinde, nichts anderes bleibe als gemeinsam, als Christen und als Kirche dafür einzustehen, dass alle zum Leben haben, dass sei unser Auftrag für die Welt, so wie ihn Christus gegeben habe, und dazu sei man (hoffentlich) einladende Gemeinde im Dienst der Hoffnung.

... im Dienst der Hoffnung

Der Gottesdienst, mit Liedern, die Pedros Frau auf der Gitarre begleitete, war von wohltuender Kürze und markiert von einer klaren Botschaft.
Auch meine Botschaft, bzw. mein Grusswort hielt ich dann sehr kurz, was dazu führte, dass nach dem Gottesdienst - beim Kirchenkaffee - die Fragen umso zahlreicher waren, vor allem von denen, die irgendwann einmal mit Hilfe von Stipendien von der Basler Mission studieren konnten, die Daniel Frei, den ehemaligen Professor der CTE in Concepcion kannten, und natürlich wurde nach dem Lateinamerikabeauftragten des LWB ( Lutherischen Weltbundes ) in Genf gefragt, nach Martin Junge, der einmal Pfarrer dieser Gemeinde war, gefragt .
Man schätzte es offenlichtlich, Nachrichten "aus der weiten Welt" zu haben.
Klar hat jede(r) einen eigenen Fernseher zu Hause, aber die "Hofberichterstattung" des nationalen Fernsehens in Chile, ist nicht immer sehr aufschlussreich, und Internet kann sich kaum einer von denen, die im Gottesdienst waren, leisten.
Traurig machte mich zu erfahren, dass der Kindergarten, den die Kirche vor einigen Jahren gebaut hat, in diesem Jahr von der Liste der staatlich subventionierten Kindergärten gestrichen wurde und damit seine Pforten geschlossen hat. Nach den Angaben des Kindergartenverwalters wurde inmitten der Verhandlungen von staatlicher Seite der Kurs geändert, nun müssten sie viel neu bauen, bzw ändern. Das aber kann (sich) die Kirche nicht leisten. Ein staatlicher Beitrag läge drin, doch in fünf Jahren müssten sie dann den Kindergarten der Komune übertragen - und dazu ist die Kirchen, verständlicherweise, nicht bereit.
Wo sind UNSERE guten Hirten? fragte Pedro in der Predigt. In der Stadtverwaltung von Peñalolén sind sie offensichtlich nicht.