heisst der Kindergarten den Kairos in Peñalolen führt. Es war (und ist) ein "Vorzeigekindergarten", den ich vor mehr als 10 Jahren als Vizepräsident von Kairos einweihen durfte. (zu Kairos und seiner Arbeit vgl. Blog "Begegnungen VII" vom 15. Mai 2009)
Mehr als 10 Jahre sind vergangen, der Weizen ist gewachsen, das heisst die Halme sind grösser geworden, die Qualität des Weizens ist (vielleicht) gleich geblieben, aber es braucht mehr "jungen Weizen", als vor 10 Jahren.
Mit anderen Worten, man hat angebaut, aufgestockt, denn in den neunzigern dachte noch niemand, dass man einmal eine Kleinstkinderbetreung übernehmen würde. Zum Glück sind ein paar staatliche Gelder geflossen, ein grosser Saal kam hinzu und jetzt sind es über 100 Kinder die Ichuac besuchen. Kinder der Armen und der Ärmsten. Einige Eltern(teile) können nicht einmal den Monatsbeitrag zahlen, will heissen die 3000 Pesos, umgerecnet nicht einmal 4 Euro.
Wer erzählt, dass Chile die Armut überwunden habe, der lügt oder kam nie weiter in den Westen von Santiago als in den Stadtteil Providencia und im Süden höchstens bis Ñuñoa.
Für mich ist es schwer zu verstehen, weshalb trotz aller Anstrengungen, trotz allem Fortschritt, der ohne Zweifel im Land festzustellen ist, dies alles an gewissen Orten einfach vorbeigeht. Auf dem Weg zum Kindergarten fuhren wir an einem riesigen Strassenmarkt vobei. Dort wird auf dem Boden liegend alles, aber alles verkauft, bis hin zur gebrauchten WC Schüssel, weil es immer noch einen gibt, der entweder keine oder eine hat, die bald kaputt geht. Die Menschen laufen zwischen Kleidern und Schuhen (second hand und mehr), Schulheften und uralten Leitzordnern hin und her und suchen, was sie zum Leben brauchen oder was man hier billig kaufen kann, um es vielleicht übermorgen etwas teurer zu verkaufen.
Nein in gewissen Kreisen in Chile redet man nicht von Armut - aber ich rede von Miseria, von Elend, dass sich hinter den Mauern von CENOSUD, dass ist die Firma die hinter Jumbo, dem Supermarkt für die Reichen mit 50 Kassen (in denen in 3 Minuten von einem Kunden soviel umgesetzt wird, wie andere nicht einmal in einem Monat zur Verfügung haben) und Lider, eine Tochter von Wal - Mart abspielt.
Die Tias, die Kindergärtnerinnen versuchen den Kindern etwas von Liebe, Freude, Hoffnung zu vermitteln, aber es fehlt an allem, selbst an Taschentüchern, um den Kleinen die Nase zu putzen - und fast alle waren an diesem Tag erkältet. Wen wundert es? Kalt ist es in Santiago geworden, heute waren es 14 Grad und nachts sind es nicht mehr als 7. Mit Holz heizen ist verboten, die alten Kerosenöfen stinken und sind gesundheitsgefährlich, Gas kann sich dort in Peñalolen niemand leisten. Ob die Kinder wenigstens eine Wärmflasche, dass heisst eine mit warmem Wasser gefüllte Colaflasche im Bett haben? Ich weiss es nicht.
Fröhlich sollen die Kinder sein - aber bei 25 in einer Gruppe gibt es schnell einmal Tränen und die Fröhlichkeit ist dahin. ZumGlück haben die Kinder eine grosse Frustrationstoleranz - aber wie weit geht das?
Fröhlich soll es zu und her gehen, einladend soll sein.
Also hat man im Direktorium beschlossen ein Mural, eine Wandzeichnung an die Mauer des Kindergartens zu malen. Das Problem, der Fanclub eines lokalen Fussballvereins beansprucht diese Mauer für sich. Als man begann das Emblem zu übermalen rotteten sich schnell ein paar Jugendliche zusammen, bedrohten die Leiterin des Kindergartens und die Situation drohte zu eskalieren.
In diesem Moment erwies es sich als Glücksfall, dass Kairos seit mehr als 20 Jahren in dieser Gegend arbeitet. Einer der Jugendlichen oder besser der jungen Männer hat gute Kontakte sowohl zur Organisation als auch zu den Jugendlichen. Er griff vermittelnd ein, als Stimmen laut wurden: wenn man nicht das Emblem behalten könne, werde man eben die ganze Mauer einreissen.
Nach langem Gespräch und Palaver konnte man sich einigen, dass die hintere Mauer des Kindergartens, die nicht zur Strasse liegt als Mauer für das Emblem benutzt werden könne - und Kairos wird einen Kurs über die Erstellung von "Murales" anbieten. Die Farben bezahlt Kairos.
Wo das Geld herkommt, weiss Sylvana Buholzer noch nicht, aber im Allgemeinen geschieht, was Kairos verspricht.
Wie man weiter unten sehen kann, ist die Wandbemalung am entstehen. Nach dem Entwurf des jungen Mannes, der vermittelnd eingriff.
Als ich ihn auf seine Arbeit anspreche, nimmt er einen Zettel - etwas grösser als A5 - aus der Tasche seiner verfleckten Hose: den Entwurf des Wandbildes, mit Kugelschreiber gezeichnet. Fröhliche Kindergesichter in Schwarz auf einem nicht mehr ganz weissen, zerknittertem Blatt. Das sagt viel.
Mit dieser Vorlage erstellt er das Wandbild.
Was er sonst mache?
Schulterzucken.
Arbeitslos ist er, das Bild malt er für das Mittagessen, und ein Sandwich am Abend. Dankbar nimmt er den Orangensaft an und freut sich, dass er die Verlängerungsschnur bekommt, damit er ein altes Radio betreiben und damit während der Arbeit Musik hören kann.
Er könnte Kinderbücher illustrieren - aber wer sieht das schon, in Peñalolen?
