Freitag, 15. Mai 2009

Begegnungen VII - mit der Armut: konkret

Dienstag morgen war es und empfindlich frisch, als ich um 9:00 Uhr an der Metrostation San Alberto Hurtado santd aund auf Sylvana wartete. Sylvana, langjährige Freundin in der Nichtregierungsorganisation KAIROS, deren Vicepräsident ich für einige Jahre war, und deren Entwicklung ich aus der Ferne mitverfolge. Heute nun war endlich Gelegenheit wieder einmal allles aus der Nähe zu betrachten und nachzufragen. Zum Glück war Sylvana sehr pünktlich, um mit mir nach Renca zu fahren, wo Kairos seinen Hauptsitz hat. Renca ist eine der ärmsten Kommunen Santiagos - und wenn es kalt und feucht ist, wirkt alles noch depremierender. Wir fuhren ohne Umwege sofort zum Zentrum, ein für eine Poblacion grosszügiges Haus mit ziemlich viel Grundstück, dass sie im Komodad bekommenhaben. Klar, alles umgeben von hohen Mauern und vergitterten Toren. Kriminaltät ist ohne Frage ein Thema in einer Komune, in der 40% der SchülerInnen den Schulabschluss aus verschiedensten Gründen nicht schaffen. Hier ist das Herz der Organisation, und hier funktioniert die Recyclingstelle, die sie mit Männern von der Strasse aufgebaut haben, gleichzeitig ist dort der Lehrpfad zum Thema Umweltschutz, der gerne von Schulklassen besucht wird und die Beratungsstelle für Frauen, die in Situation intrafamiliärer Gewalt leben oder lebten.
Nur wenige hundert Meter entfernt steht ein weiteres Haus von Kairos. In diesem Haus ist der Kleinkinderhort, bzw die Sala Cuna für Babys, ausserdem ein Kindergarten, verschiedene kleinere Räume und ein grösserer Saal für Kurse der Erwachsenenbildung, das Materiallager einer Frauenkooperative und eine Ausbildungswerkstatt für arbeitslose Jugendliche, die dort und fachkundiger Anleitung schweissen lernen.

Und alles hat mir Sylvana haargenau erklärt, auch ihre Schwierigkeiten in Bezug auf die Finanzierung der Arbeit, und dass sie von der Bürgermeisterin der Kommune, eine Vertreterin der UDI, d.h. platt gesagt, der Partei der Pinochetisten, bei allen Projekten erst einmal nicht zum Zuge kommen.

Wer, bzw was ist KAIROS?

Zum Kairós Fotoalbum


Gemeinwesenentwicklung in den Armenvierteln am Rande von Santiago ....

Kairós ist eine vom chilenischen Staat anerkannte Nicht-Regierungs-Organisation mit ökumenischer Ausrichtung, die von drei Zentren aus Projekte der Gemeinwesenentwicklung in den Kommunen Renca und Peñalolen unterhält. Sie hat etwa 20 hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, grösstenteils Chilenen und Chileninnen, aber auch immer wieder Praktikanten und Freiwillige aus Deutschland.
Das Wort Kairós bezeichnet im Griechischen des Neuen Testaments den „rechten Augenblick", den „Zeitpunkt der Entscheidung", in den der Mensch durch die Botschaft vom Reich Gottes gestellt ist. Die Organisation ist zu einem Zeitpunkt entstanden, als es in der Kirche Chiles nach dem Ende der langjährigen Pinochet-Diktatur heftige Auseinandersetzungen über den künftigen Kurs der Arbeit in den Armenvierteln gab. Die Gründerinnen und Gründer von Kairós wollten sicherstellen, dass eine selbstbestimmte, nicht bevormundende Sozialarbeit mit den Armen, wie sie zur Zeit der Diktatur unter dem Schutz des damaligen Erzbischofs von Santiago geleistet wurde, weiterhin möglich blieb.
Ziel von Kairós ist „Hilfe zur Selbsthilfe" im besten Sinn. Den Bewohnern der Armenviertel werden keine Projekte übergestülpt, die man am grünen Tisch erdacht hat und die solange laufen, wie der Experte vor Ort ist. Vielmehr arbeitet Kairós mit den Selbsthilfegruppen der Armen zusammen, unterstützt ihre Initiativen, bildet ihre Mitglieder aus und stärkt ihnen den Rücken gegenüber den Behörden bei der Vertretung ihrer Interessen. Wo keine Basisorganisationen vorhanden sind, versucht Kairós die Gründung solcher Initiativen anzuregen und zu begleiten, damit auch die Menschen am Rand der Gesellschaft unter würdigen Bedingungen leben können. Und das beginnt damit, dass der arbeitslose Alkoholiker, der lange auf der Strasse lebte, nun Chef eine Recycling-Truppe aus 15 ehemaligen "Berbern" ist. Er ist auch verantwortlich dass das Papier, dass die 15 monatlich sammeln, noch einmal auseinandergenommen und nach Kategorien getrennt wird (das bringt mehr Geld) , und der die Tetrapacks aufschneidet und säubert, weil man aus ihnen "Dachziegel" schneiden kann, damit die armseligen Behausungen wenigstens einigermassen trocken bleiben.


Kairós bietet an:

Erwachsenenbildung

Es werden Kurse zu Themen wie Kochen, Backen, Kerzenherstellung, Handarbeiten oder Friseurhandwerk angeboten, verbunden mit der Schulung sozialer Kompetenzen.
Zur Zeit (2006) ist ein Bildungszentrum geplant, an dem Erwachsene und Jugendliche ihre Schulabschlüsse nachholen können.

Gemeinwesenentwicklung

Kairós unterstützt die Nachbarschaftsvereinigungen durch verschiedene Kursangebote, um die Lebensqualität in den Armenvierteln zu verbessern. Ziel aller Kurse ist die Bildung stabiler Organisationen, die später eigenständig weiter arbeiten können

Gesundheitsgruppen

Freiwillige werden in Erster Hilfe und Krankenpflege ausgebildet mit dem Ziel, dass sie in ihrer Siedlung eine Krankenstation einrichten und betreiben können.

Jugendwerkstätten

Arbeitslosen Jugendlichen werden Kurse angeboten, die technische Fertigkeiten in Möbelschreinerei, Metallverarbeitung oder Elektrotechnik vermitteln und das Selbstvertrauen der Jugendlichen stärken, damit sie bei der Arbeitssuche bessere Voraussetzungen mitbringen.

Kindergärten

In zwei Kindergärten werden über 100 Kinder aus sozial und wirtschaftlich schwachen Familien ganztägig betreut. Si erhalten eine ausgewogene Ernährung, angemessene Räumlichkeiten, Aufmerksamkeit, Zuwendung und die Förderung einer umfassenden Entwicklung.

Umweltschutz

Im Auftrag der Kommune Renca betreut Kairós ein Ökologie-Zentrum, um mit den Bewohnern der Armenviertel Maßnahmen zur Verbesserung der Umwelt durchzuführen.

Jährlich werden in den Siedlungen Baumpflanzaktionen organisiert.

Bei allem geht es darum, die Armen aus ihrer Isolation herauszuholen zu gemeinsamem Tun. Was manchmal gelingt und manchmal auch nicht und für mich war udn ist es eine freude zu sehen, mit wiewiel Energie die Geschäftsführerin nachwie vor bei der Arbeit ist.

Und es freut mich, wenn ich sehe, wieviele Kindergartenkinder, zumindest in einem wichtigen Lebensabschnitt, in gewisser Sicherheit aufwachsen können.

Einmal mehr ein Besuch, eine Begegnung, die mich sehr beeindruckt hat