Montag, 11. Mai 2009

Begegnungen VI - im Kindergottesdienst

klingt harmlos im Titel ist es aber nicht, sondern ist eine meiner bewegendsten Begegnungen der letzen Wochen.
Aber eigentich fing es "harmlos" an. Sara Ossa, Mitglied der Iglesia Evangelica Pentecostal, wollte mir die Arbeit mit Kindern zeigen, die sie in ihrer Kirche machen. "Aber", so hatte sie mich vorgewarnt, "nicht in unserem Wohnviertel, sondern im Stadtteil "El Bosque"" werden wir den Kindergottesdienst besuchen."
El Bosque ist eine der "neuen" Gemeinden in Santiago, per Gesetz 1981 während der Pinochett Diktatur gegründet und seit 1991 wirklich eine Komune mit heute etwas mehr als 180.000 Einwohnern - und nicht mit dem Stadtviertel El Bosque in Las Condes zu verwechseln.
KANN man auch nicht, wenn man erst da ist: Die Häuser (Behausungen) wurden immer einfacher, die Autos wurden immer älter, die Autwracks am Strassenrand immer zahlreicher je näher wir von an San Miguel nach El Bosque kamen, und nachdem wir irgendwann einmal von einer asphaltierten Strasse links abgebogen waren, parkte Sara ihr Auto. Das Gebäude der IEP steht auf einem Grundstück von vielleicht 500 Quadaratmetern, einfachste Konstruktion wo wirklich nur das Schild verrät: hier ist ein Kirche.
Ein Mädchen spielte auf dem staubigen "Vorplatz" der Kirche, der naturlcih durch ein Gitte von der Strasse ab getrennt war; zwei oder drei andere und eine Kindergottesdiensthelferin warteten in der Kirche. "Wir gehen die anderen Kinder abholen - und es wäre besser Taschen und Wertgegenstände im Kofferraum des Autos einzuschliessen - man kann ja nie wissen wem man hier begegnet." Eigentlich wäre tagsüber keine Gefahr aber sicher sei sicher, fügte Sara noch hinzu und schloss den Kofferaum auf, damit wir wirklich Tasche und Portenomaie abgeben.
Mit den bereits wartenden Kindern an der Hand ging die Mitarbeiterin, die in diesem Viertel zu hause ist, voran. Ihr folgte Sara, dann Blanca und ich - und jene Menge Hunde um uns herum.
Es ging 200 m zu einer Wohnsiedlung mit sogenannten "Viviendas Basicas", Wohnungen, die nicht grösser sind als 30 qm. Wieviele Personen darin wohnen ist nicht klar. Der Blick auf den Wohnblock ist mehr als ernüchternd. Ich merke, wie sich mein Magen zusammenzieht.
Ein paar Kinder warteten vor dem ersten "Hauseingang", andere mussten wir abholen. Der Aufgang in den ersten Stock ging über eine Aussentreppe, über die Wasser floss und wo der Dreck stand, es roch ziemlich streng. Der Blick vom ersten Stock auf den Innenhof war nicht nur für mich schockierend, auch Blanca, die als Chilenin schon manches Viertel und manche Wohnung gesehn hat, war sichtlich geschockt. Da gab es Wohnparteien, die ihren Abfall aus dem Fenster, bzw über die Brüstung einfach in den Innenhof werfen. Die Dächer der Abstellplätzen im Innenhof glichen Müllkippen. Ich fürchte die Ratten feiern hier fröhlich Feste. Die Kleider, die irgendwo unter Dach aufgehängt sind und an denen wir vorbeistrichen, sind wahrscheinlich wenn sie trocken sind, genauso schmutzig wie vorher, weil alle Nachbarn daran"vorbeischleichen" müssen.
Fotos habe ich keine gemacht - ich hatte das Gefühl ich verletzte das letzte Stück Würde, sofern sie es sich erhalten konnten - der Menschen, die hier leben. Das Foto oben ist aus dem Internet und ist ein Spieel dessen, was wir gesehen haben.
Am meisten aber berührte mich der Gedanke an die Kinder, die sich ja nicht ausgesucht haben hier zu wohnen, und die sich auch nicht wehren können. Sie wachsen in Enge, in Dreck, im Geschrei der Nachbarn auf. Die Wohnungen sind so eng, dass sie sich kaum darin aufhalten können. Hausaufgaben machen wo?
Ich werde wohl das Bild in Concepcion, vor einigen Jahren nie vergessen: ein etwa 10 jähriger Junge der in der Kälte unter einer Strassenlaterne kauert und seine Rechenhausaufgaben macht.
Zurück nach El Bosque.
Also in der Wohnung können sie nicht bleiben, und die Strasse?
Auf dem einzigen freien Platz, auf dem ein paar kümmerliche Bäume stehen, und die Grundgerüste einer Wippe und eine Rutschbahn auszumahcne waren, waren ältere Jugendliche bzw Männer versammelt und liessen die Flaschen kreisen -obwohl Alkoholgenuss in der Oeffentlichkeit in Chile verboten ist. Aber in disem Quartier ist das oft noch die geringste Uebertretung.
Zum Schluss haben wir 6 Kinder eingesammelt, ein Mädchen war krank - Bauchschmerzen! und einen Jungen haben wir nicht gefunden.
Ob sie katholsich, evangelisch, mormonisch oder gar nichts sind, wird nicht gefragt, ist auch nicht wichtig. Wichtig ist, dass sie wenigstens für eine Stunde da rauskommen.
Man kann der Kirche - allgemein gesprochen - immer alles Mögliche vorwerfen, man kann über die lachen die in den Gottesdiesnt gehen und Kollekten geben, und grinsen über die, die so "blöd" sind und noch Kirchensteuer bezahlen.
Aber was ist, wenn sich keiner mehr um diese Kinder kümmert, wenn niemand mehr Geld für diese Arbeit hat, wenn der Agnostizismus und der Atheismus dafür gesorgt haben, dass es immer weniger Mensschen gibt die fest daran glauben, dass eine andere Welt möglich ist, weil sie von dem, der die Welt - wie auch immer - geschaffen hat überzeugt sind, dass er ein anderes Ziel für diese Welt hat und sich darum für diese Welt einsetzen.
Das den Kindern zu zeigen, nicht vorzubeten, nicht einzutricheren, sondern liebevoll zeigen: Gott hat dich lieb, du bist ihm etwas wert. Hier kommen alle zum Zug, und alle gehen am Schluss mit ihren 5 Süssigkeitgen aus dem "Gottesdienst", und an diesem Samstag, dem Tag vor dem Muttertag, bekam jedes Kind eine Blume, damit es für die Mutter, oder die Oma, oder die Tante, je nachdem bei wem es lebt, etwas zum Muttertag hat.
Es war zum heulen.
In welcher Welt leben wir, wenn zwischen arm und reich in der gleichen Stadt Welten liegen?

Zurück in den Stadtteil Providencia, wo wir gerade wohnen. Auf den Strassen war es ruhig, die einzigen Hunde auf der Strasse sind am Eingang zur "Pedro de Valdivia" an der Bushaltestelle. Unsere Wohnung hat mehrn als 40 qm, alle Fensterscheiben sind ganz, die Toilette ist nicht verstopft und die Stromrechnung bezahlt. Zugegeben, der Gasofen heizt schlecht, aber besser als gar nicht.
Wir haben uns beide nicht gut gefühlt, als wir am Samstag nach Hause kamen.

Danke Sara, dass du uns gezeigt hast, dass es noch ganz viel zu tun gibt, bis wir da sind, wo wir als Christen mit allen Menschen auf der Welt sein möchten, da wo Friede und Gerechtigkeit herrschen - und nur gemeinsam werden wir dem ein Stück näher kommen, gemeinsam auch als Christen, und als Kirche, unabhängig ob historisch evangelisch oder katholisch, ob freikirchlich oder pfingstlich: wir sind es den Kindern - und Gott - schuldig.

Die Kindergottesdienskinder in der IEP el Bosque