Die evangelische Schule "El Manantial de Gracia" in San Miguel, Santiago de Chile
ist Pflichtfach innerhalb des normalen Stundenplans und das, obwohl Staat und Kirche seit 1925 getrennt sind. Religionsunterricht wird erteilt, obwohl in der Politik immer wieder Stimmen laut werden, der Religonsuntericht gehöre nicht in die Schule. Im Gegensatz dazu ist die Stellung des RU in den meisten Bildungseinrichtungen unangefochten.Ich erinnere mich gut wie das war, als mein Aeltester in den neunziger Jahren in Chile in die Schule ging. Auf dem Stundenplan der Privatschule stand Religionsunterricht, was natürlich "katholischer - gefärbter" Unterricht war. Nun habe ich damit eigentlich kein Problem, zumal nach meinem Verständnis in den ersten Schuljahren ein sehr bibelbezogener Unterricht erteilt wird.
Dieses etwas blauäugige Denken änderte sich aber schlagartig als er eines Tages nach Hause kam und stolz seiner Mutter erzählte, dass er nun "zwei Mamis habe", nämlich sie und Maria im Himmel.
Langer Rede kurzer Sinn, flugs hatten sich die wenigen evangelischen Eltern abgesprochen, dass das nicht die Idee gewesen sei, als sie dem Religionsunterricht zustimmten und ich habe einen meiner damaligen Theologiestudenten an der CTE überzeugenkönnen, dass er ab sofort den evangelischen Religionsunterricht auf dieser kleinen Schule erteilen sollte, Basis war ein Gesetz aus dem Jahr 1983, dass an jeder Schule wöchentlich zwei Stunden Religionsunterricht zu erteilen seien - und das gemäss der religösen Ausrichtung, die die Eltern wünschen, allerdings müsse jede Gruppe eine gewisse Zahl von Schülern aufweisen.
Das gilt auch für die evangelischen Schüler.
Nur wurde dieser Unterricht nicht so oft gewünscht, weil viele Eltern - ich eingeschlossen - dieses Gesetz nicht kannten. Zudem gab es keinen Lehrplan und auch wenig Religionslehrer.
CONAEV, das Comité Nacional de Educación Evangélica hat es geschafft, einen Plan auszuarbeiten der 1997 von der Regierung anerkannt wurde, der zwar in meinen Augen zu stark bibelorientiert ist, aber der nun als offizieller Lehrplan für nicht konfessionsgebundenen Schulen gilt.
Bereits 1995 begannen wir an der Comunidad Teológica Evangélica mit Weiterbildungskursen für Lehrer, damit sie evangelischen Religionsunterricht erteilen können. Der Weg dahin war alles andere als einfach, eben weil wir damals noch keinen ofiziellen Lehrplan hatten, und gar nciht so recht wussten, in welche Richtung wir diese Kurse fokusieren sollten.
In der Zwischenzeit ist einiges Wasser den Mapocho hinuntergeflossen und heute konnte ich mit Iván Ruz, Präsident von CONAEV über das Erreichte und das Gewünschte reden.
Wir trafen uns in seinem Büro in der Schule "Manantial de Gracia", einer evangelischen, vom Staat subventionierten Schule in San Miguel, mit mehr als 200 Schülern.
Als Rektor dieser Schule erzählte er zunächst von den Bemühungen die Schule aufzubauen, von den Schwierigkeiten Schulmaterial zu bekommenund zeigte mir das Unterrichtsmaterial der ersten Klasse - sie unterrichten allerdings alle Schulstufen. Sehr viel geschieht im Kleingruppenunterricht, manches auch geschlechtergetrennt, gerade in der Oberstufe, weil das, so Iván Ruz, manchmal die besseren Resultate bringe.
Iván Ruz, Schuldirektor und Präsident des (chilenischen) Nationalen Komitees für evangelischen Religionsunterricht während einer Schulschlussfeier Rührig sind sie in dieser Schule, bis hin zur Abschlussfahrt im letzten Schuljahr, die ins Ausland geht, aber nicht zum Baden, sondern damit die SchülerInnen in anderen Schulen weitergeben, was sie in einer "evangelischen" Schule fürs Leben gelernt haben - und das mit Theater, Musik, berichten und einem Gottesdienst, den die Schüler vorbereitet haben.
Der Präsident von CONAEV erzählte dann von den Schwierigkeiten zuerst den Lehrplan für den RU zu erstellen, ihn anschliessend von möglichst vielen Kirchen "absegnen" zu lassen, ihn danach vor das Erziehungsministerium zu bringen , und als endlich alles fertig und genehmigt war und er im Amtsblatt veröffentlicht werden sollte, hatten sie kein Geld für die Veröffentlichung, weil diese Kosten zu Lasten des Interessierten gehen.
Nun ja Gott ist gnädig, und in diesem Fall war es auch ein Staatsbeamter, der sich schlusendlich dafür einsetzte, dass der Plan auch ohne volle Bezahlung veröffentlicht wird.
Heute ist CONAV als staatlich anerkannte Institution auch dafür verantwortlich, dass die Religionslehrer, bzw. die Qualität des Unterrichts alle zwei Jahre evaluiert wird.
Noch ist es nicht soweit, aber CONAEV arbeitet am Programm, was denn da geprüft werden soll.
Ein Problem sieht der Präsident mit der neuen Gesetzgebung, dass ab 2011 alle Religionslehrer einen staatlich anerkannten Titel haben müssen.
Es gibt zu wenig Lehrer, weil es keine evangelische Universität gibt.
Es gäbe zwar von Seiten einiger evangelischen Kirchen Verträge mit Privatuniversitäten, in denen festghalten wird, dass die Privatuniversitäten den pädagogischen Teil einbringen und die Theologie wird von den Kirchen beigesteuert (siehe meinen Artikel über UMCE in "Der Geist ist wichtig...."), aber nicht selten sind die Studiengebühren in den privaten Universitäten so hoch, dass die Studenten und Studentinnen sich dieses Studium schlichtweg nicht leisten können, und Ivan R. beschrieb mir den Fall eines Pastors, der sehr gut bei Jugendlichen in Randgruppen, den sogenannten "Tribus urbanas" ankommt, Fernando Gallegos, der sein Studium wohl abbrechen muss, da er das Geld nicht aufbringt.
Hier ist grosser Handlungsbedarf in zweierlei Hinsicht:
nämlich,
a.) dass möglichst viele evangelische Kirchen sich über den Aufbau einer Universität bald einig werden und
b.) dass dann das Geld bereit gestellt wird.
b.) wird möglich, wenn a.) eintrifft.
Ob der "Leidensdruck" schon gross genug ist? Zumindest könnte auch diesbezüglich das "Jubiläumsjahr" mit dem ausgedrückten Wunsch zu mehr Einigkeit einen Hoffnungsschimmer am Horizont hervorzaubern.
Ansonsten gibt es - immer in Chile, noch einen Plan c.).
Und der besteht darin: man muss mehr Stipendien vergeben. Aber wo soll das Geld dazu herkommen?
