Mittwoch, 22. April 2009

Politische Gemeinde und Kirche

Departamentos in der Gran Avenida, San Miguel - Santiago

Also einmal angenommen, unser Gemeindammann in Märstetten, Jürg Schumacher, möchte zum Thema "Jugendarbeit" die Stimme der Kirchen hören, was er efektiv ja auch gemacht hat und lädt dazu ein. Wen? Nun einen Vertreter der evangelischen und einen Vertreter der katholischen Kirche.
Einmal angenommen, der Alcalde (Bürgermeister) von San Miguel, einem Stadtteil von Santiago, will zum selben Problem die Kirchen einladen - dann muss er neben dem Vertreter der römisch katholischen Kirche noch 35 weitere Pfarrer, Präsidenten oder sonstige Vorsitzende der evangelischen Kirchen einladen, die in seiner Komune mit rund 80.000 Einwohnern registriert sind.
Die alle unter einen Hut zu bringen und eine Form zu finden, in der er möglichst alle anspricht, das ist ziemlich schwierig. Also hat man begonnen in San Miguel und in anderen Städten und Komunen in Chile ein "Büro für Religöse Angelegenheiten" einzurichten -mit dem Ziel, die Kommunikation zu und mit den Kirchen und Religonsgemeinschaften zu verbessern.
Die Probleme sind - zugegebenermassen - vielfältig:
von gemeinsamer Jugenarbeit und den "Geburtstagsfeierlichkeiten" der Komune angefangen bis zur Gestaltung der Weihnachtsfeier. Aber das ist auch immer wieder die Problematik der "Lärmbelästigung", wenn die Kirchenband mitten im Wohngebiet bis 23:00 Uhr übt, oder der Sonntagsgottesdienst bei geöffneten Türen und Bandbegleitung auch um 22.30 nicht enden will. Die ist die Frage ob auf dem Grundstück xy wirklich eine Kirche gebaut werden kann, und ob die Kirche z das alte Kino zu einem Gottesdienstgebäude umbauen darf und welche Auflagen dabei erfüllt sein müssen.
In San Miguel ist Eduardo Cid, ehemaliger CTE Student zu 50% für diese Aufgabe angestellt.
Das heisst er hat dort ein "Büro" - eine Nische in einem Grossraumbüro, mit einem Schreibtisch, einem Schrank für die Aktenordner, zwei Stühle und das wars.
"Jugendarbeit machen wir in diesem Jahr in dem wir Jugendlichen, die Musik machen wollen, einen Raum (in einer Kirche) zur Verfügung stellen", erzählt er mir bei meinem Besuch im Rathaus. "Für das Ausleihen einiger Instrumente und für Lehrpersonen stehen 1.2000.000 Pesos zur Verfügung (umgerechnet 2.500 Franken) und wir hoffen 150 Jugendliche zu erreichen", meint Lorena, die Abteilungsleiterin für Jugend und Soziales, die zum Gespräch hinzugekommenist. "Was uns noch fehlt ist der Zauberstab, damit wir an den Betrag eine weitere "0" anhängen können."
San Miguel ist hoch verschuldet.
Ueberall ist die Arbeit von Freiwilligen gefragt. Nicht zuletzt deshalb hat man mit Eduardo einen Pfarrer mit uns Boot geholt, der sehr guten Kontakt zu fast allen diesen Kirchen hat, denn der sozialistische Bürgermeister weiss sehr wohl, wieviel Freiwilligenarbeit er von den (evangelischen) Kirchen erwarten kann, wenn er ihnen nur ein bisschen entgegenkommt und Eduardo weiss: Ohne die Arbeit dieser Kirchen würde es in Bezug auf Kinder-, Jugend- und Altenarbeit noch viel schlechter aussehen.
Dass da noch ganz viel mehr und anderes zu tun wäre, das weiss auch Lorena, aber sie anerkennt, dass Eduardo zwar keinen Zauberstab, aber doch einen aktiven Geist und viel Engagement mitbringt - und das ist für Sozialarbeit in San Miguel mindestens gleich viel wert - und auch für die Kirchen, die eine Stimme in der Gemeindeverwaltung haben.