Dienstag, 21. April 2009

Ein Stein im Wasser

Eingang der orthodoxen Kirche "San Jorge" im Stadteil Recoleta, Santiago de Chile


Die Fraternidad ecumenica de Chile trifft sich einmal im Monat reihum in den verschiedenen teilnehmenden Kirchen. Am Mittwoch war es wieder soweit.
Treffpunkt Iglesia Ortodoxa de Antiochia en Patronato.
Im Patronato -Viertel sind mehr oder weniger alle Kleiderläden Santiagos versammelt, zumindest ist es der Teil der Stadt, in dem man Kleider in allen Stilen und Preislagen finden kann. Aber das war ja nicht mein Hauptanliegen, obgleich ich mich im Vorübergehen darüber informieren konnte wieviele echte, geklonte und gefälschte LEVI'S (unter anderem Namen) es auf dem Markt gibt ohne die, sie sich mit eigenem Design versuchen.
Geladen hatte der orthodoxe Priester Georges Abed, der zugleich Präsident der Fraternidad ist.
Pfr. David Muñoz, der die baptistischen Kirchen vertritt, bat mich nach dem Gottesdienst einen kurzen Bericht meiner Zeit in Chile abzugeben, da ich in den vergangen Wochen ja mit verschiedenen Kirchen, Kirchenleitungen und Organisationen im Kontakt gestanden habe.
Im Folgenden zusammengefasst mein Bericht, der sich (nachträglich) als ein Steinwurf in einen stillen See erweisen sollte. Etwas, was beim besten Willen von mir nicht beabsichtigt war.
"Sehr geschätze Anwesende, Brüder im Glauben an unseren Herrn Jesus Christus ....
Knapp sechs Wochen bin ich nun schon in Chile, habe in dieser Zeit verschiedene evangelische Kirchen und Gottesdienste besucht, mit Pfarrern, Pfarrerinen und mit kirchenleitenden Personen gesprochen und alle bestätigten mir: Ja, die Kirchen in Chile wachsen, wenn auch nicht mehr so schnell wie auch schon. Aber die einen mehr, die andern weniger. Doch ist es Wachstum oder nur ein Verschieben von Mitgliedern, oder dass Mitglieder hier ihre Kinder taufen lassen und in einer anderen Kirche (als Mitglieder) die Gottesdienste besuchen? Ob es sich um ein spirituelles Wachstum handelt - diese Frage konnte mir niemand so eindeutig beantworten.
Sorgen macht mir, nach all diesen Besuchen, Gesprächen und Beobachtungen:
- nach wie vor sind die Evangelischen in Chile sehr geteilt und es tut mir leid, dass man es - nach meiner bisherigen Information - nicht Zustande bringt, den 100 jährigen Geburtstag der Pfingstbewegung in Chile im positiven Sinn auszunutzen, um zu zeigen: Wir sind einig im Geist...
- die Ausbildung der zukünftigen Religionslehrer, die an Privatuniversitäten verschiedenster Prägungen geschieht, wo aber das Evanglium keine transversale Achse bildet, dass es also immer noch keine Evangelische Univesität im Land gibt, die die fundierte Aus- und Weiterbildung der Lehrer und Pastoren/Pastorinnen sicherstellen kann.
- das (wenn auch nicht schnelle) Wachsen der neu-pfingstlichen Bewegung mit dem Evangelium der Prosperität. Was haben diese Kirchen, oder besser was suchen die Menschen, die diese Versammmlungen besuchen?
Mich würde es interessieren, wie sie, die Anwesenden, die Zukunft der (evangelischen) Kirchen in Chile sehen, wenn man bedenkt, dass es auch hier bald weniger Kinder und Jugendliche und damit mehr alte Menschen gibt. Inwieweit wird sich hier die Dynamik und die Tätigkeit der Kirchen ändern?"
Anschliessend ging ich noch kurz auf die Situation der reformierten Kirchen in der Schweiz ein, mit sinkenden Mitgliederzahlen, wenn auch nicht mehr so schnell wie auch schon, dass auch wir merken, dass weniger Kinder geboren werden und vor allem, dass uns die Generation der nach 1960 geborenen fehlt. Weiterhin berührte ich die Herausforderung von Kirche und Gesellschaft durch einen wachsenden Anteil islamischer Einwohner in der Schweiz und stellte kurz mission 21 und die Basler Mission vor.

Soweit mein Bericht.
Der Stein, der ins Wasser fiel, das war die Bemerkung über die Religionslehrerausbildung und über die (fehlende) evangelische Universität. Dieses Thema wurde in einer sehr lebhaften Diskussion aufgegriffen in der alle Kirchenvertreter sich zu Wort meldeten, und der Vorstand bekam die Aufgabe, dieses Thema für eine der nächsten Sitzungen in aller Breite vorzubereiten und die ofiziellen Vertreter der Regierung, der katholischen Kirche und der Einheit für die Ausbildung evangelischer ReligionslehrerInnen dazu einzuladen.
Hier sei also Handlungsbedarf, denn es gehe nicht an, dass jede Kirche einen eigenen Plan entwerfe, ein eigenens Programm vorschlage und den einfachsten Weg zur Verwirklichung suche, sondern man müsse als Christen versuchen einen Lehr- und Ausbildungsplan zu erstellen, der breit abgestützt sei.
Offensichtlich war dieses Thema in den Versammlungen vor lauter Gottesdienstvorbereitung zum Nationalfeiertag - dafür ist die Fraternidad (auch) verantwortlich - noch nicht in dieser Schärfe in den Blick geraten.
Ich bin gespannt was dabei herauskommt.