"Die Rolle des CCI (= Chilenischer Kirchenbund - Confraternidad Cristiana de Iglesias, ein Zusammenschluss von Kirchen, die ihren Glauben als Ausdruck von Einheit, Solidarität und Geschwisterlichkeit leben. Ihre prophetische Aufgabe ist für die chilenische Gesellschaft auf dem Hintergrund der Menschenrechtsverletzungen während der Diktatur wichtig. Mitglieder und Leiter halten diese Organisation durch ehrenamtlichen Einsatz am Leben. Ihr Hauptanliegen ist die Förderung der Einheit der christlichen Kirchen und deren gesellschaftspolitisches Engagement) ist nicht zu unterschätzen", das hat Juana Albornoz, vom CCI zwar nicht so gesagt, aber im Gespräch, das ich heute mit ihr führte, so gemeint. Denn immerhin ist der CCI ein wichtiger Träger des kirchlichen Widerstands gegen das Pinochettregime gewesen und hat bis heute Zugang zu wichtigen politischen Kräften im Land.
Diese Feststellung wird unterstrichen durch den Ort, an dem ich mich heute mit Juana traf: im Büro der evangelischen Seelesorgerin im Präsidentenpalast, in der Moneda - Mitten in Santiago.
Um überhaupt in die Moneda (nicht in den Innenhof) reinzukommen, bedarf es einer Einladung. Nachdem ich diese vorweisen konnte, wurde noch einmal telefonisch nachgefragt, ob ich wirklich eingeladen sei. Dann führte man mich in einen Innenhof, wo mich bereits eine Gardistin der Polizei erwartete. Sie geleitete mich zwei Stockwerke tiefer in den Keller , an der Fahrbereitschaft der Präsidentin Bachelett vorbei und von dort ins Büro von Juana Albornoz.
Wir unterhielten uns über den politischen Einfluss der Evangelischen, über des Gleichstellungsgesetz, über die Anerkenung der evangelischen Kirchen als Institutionen öffentlichen Rechts, über das neue Gesetz der Nicht-diskriminierung (das gerade in Vernehmlassung ist) und über den neuen Feiertag in Chile, der bewusst auf den 31. Oktober, den Tag des Thesenanschlags Martin Luthers gelegt wurde (und nicht auf den 12. September, den Tag der Bibel,) wie einige Kirchen vorgeschlagen hatten. Auch bei der Festlegung des Datums spielte der CCI eine nicht unbedeutende Rolle. Für mich ist es sehr spannend zu erfahren, wie hier Christ sein, und besonders evangelisch sein in den letzten Jahren eine neue Dynamik bekommen hat, mit evangelischem Religionsunterricht, mit diesem Feiertag, mit der Seelsorgerin für den Präsidentenpalalst und evangelischen Polizei- und Gefängnisseelsorgern.
Ganz wichtig sind auch die "damas blancas", die im Auftrag der Kirche die Kranken in den Spitälern besuchen, und die alle zugleich auch eine erste Hilfe - Ausbildung haben und den Pflegerinnen und Pflegern (ehrenamtlich) zur Hand gehen, bewusst deutlich machend, ich bin Mitglied einer evangelischen Kirche.
Einer von 2000 - oder mehr. Das ist schwierig alle unter einen Hut zu bringen. Vom CCI war bereits die Rede, aber da sind nur wenige Kirchen vertreten. Dann gab es eine Zeitlang das Comite de Organizaciones Evangelicas, COE. COE war breiter abgestützt, aber einziger Programmpunkt was das Gleichstellungsgesetz zwischen evangelischen und der katholischen Kirche. Daneben gibt es noch den Rat der PfarrerInnen von Santiago, aber auch hier sind nicht alle Kirchen vertreten, und so wurde vor einiger Zeit die "mesa ampliada" gegründet, sozusagen der "runde Tisch" aller evangelischen "Dachorganisationen, also CCI, der Rat der historischen Kirchen, die Pfarrervereinigeung, die Vereinigung der evangelischen Bischöfe etc. Das allerdings umfasst ein weites Spektrum von fundamentalistisch bis progresiv und dezidiert ökumenisch.
Auch hier wird Juana Albornoz immer wieder zum Vermitteln eingeladen.
Es ist mehr als "nur" 50% die sie für diese Arbeit einsetzt - und das für Gotteslohn, denn der Seelsorger in der Moneda wird nicht bezahlt, nur die Infrastruktur.
Auch das ein Zeichen (für einen Teil) der evangelischen Kirchen - die schmale ökonomische Basis.
Aber es gibt auch die anderen, die sogenannten Neu-Pfingstlerischen Kirchen, von denen in den vorhergegehenden Blogs immer wieder mal die Rede war. Sie sind in keiner der oben beschriebenen Organisationen vertreten. Ihre Theologie ist nicht deckungsgleich, denn sie vertreten deine Theologie der Prosperität: "Gib alles was du hast Gott, und er wir des Dir mehrfach zurückzahlen- wenn nicht, dann glaubst du nicht fest genug und lebst infolgedessen in Sünde.
Juana wusste von einem Ehepaar zu berichten, das sein Spargeld für die "Sozialwohnung" einem dieser Prediger gegeben hatte, und nach 5 Monaten hatte Gott es noch nicht zurückerstattet. Das Häuschen wäre nun fertig, sie könnten es beziehen, wurde ihnen vom "Wohnungsamt" beschieden, sie müssten nur ihren Anteil zahlen - aber diesen Anteil hatten sie ja dem Perdiger für die Arbeit im Reich Gottes gegeben. Also fasste die Frau sich ein Herz und ging zum Prediger, fragte ob sie ihr Geld wieder haben könnte, vorläufig, denn Gott habe auf ihre Gebete noch nicht beantwortet.
Der Bescheid, den sie erhielt, war niederschmetternd: Mit diesen Worten hätte sie eine schwere Sünde begangen, denn sie habe an Gottes Wort gezweifelt. Das Geld war weg.
Zum Glück wachsen diese Kirchen in Chile nicht so schnell - es gibt sie, aber nicht so massiv wie z. B. in Brasilien. In Chile hätten die Pfingstkirchen gute Netze aufgebaut, um für die Menschen dazusein - und auch die "historischen" Kirchen würden wachsen, dabei verwies sie auf die lutherische, eine presbyterianische und auf die anglikanische Kirche (etwas das ich bereits gestern gehört hatte), weil sie endlich die Mauern ihrer Kirchen verlassen würden.
In der Zwischenzeit war 11 Uhr schon längstens vorbei. Eigentlich hatte Juana mir nur gut eine Stunde reserviert.
"Karl", fragte sich mich, als ich schon meinen Notizblock, zusammenpackt, "darf ich dir noch etwas zeigen?"
"Warum nicht - worum geht es denn".
"Ich möchte dir den Salon Blanco, das Büro unseres Präsidenten Allende zeigen, und den Ort, an dem er starb."
Natürlich sagte ich sofort zu.
An solchen Orten kann man nicht viel sagen - da kann man nur schweigen.
