Mittwoch, 1. April 2009

Bürokratie = burocracia. ODER: Die Herrschaft der Esel

Zugegeben, der Titel, ein Wortspiel, ist etwas hart, und nicht nur weil der Esel = burro sich mit zwei "r" schreibt.
Aber es gibt Dinge, die für mich schwierig zu verstehen sind.
Also ich will ein Bankkonto aufmachen, nicht für mich, für Jan, meinen Aeltesten, der auf der Suche nach seinen Wurzeln uns aus der Schweiz besucht, damit er nicht mit Bargeld durch Chile reisen muss. Ein Girokonto, klar, das geht nicht - aber ein Jugendsparkonto, das wäre doch was.
Nein, das geht auch nicht. Zwar habe ich das vermutet, bin aber trotzdem zur Banco del Estado, weil diese Bank überall Fillialen hat. Hauptgebäude Providencia. Ein altehrwürdiger Bau, zu vergleichen mit der ehemaligen Credit Swiss am Paradeplatz Zürich
Kontoeröfffnung? Im Keller.
Lange Schlange, man muss (wie überall) eine Nummern ziehen, sonst wird man gar nicht bedient. Von den vier Schaltern sind zwei besetzt. Wie gesagt, wir wollen ein Konto eröffnen. Wartezeit, ca 20 Minuten. Endlich sind wir dran - denn ein Jugendlicher hat gemerkt, dass er am falschen Ort ist und uns seine Nummer geschenkt, sonst hätte es wohl noch mal 10 Min. gedauert. Nachdem ich erklärt habe, was wir wollen lautete die Frage: "Su RUT por favor."
Das war die nach der persönlichen Registriernummer, die jedem Chilenen und Chilenin mit in die Wiege gelegt wird und die er/ sie behält bis ins Grab. Ich versuche der Dame zum zweiten Mal zu erklären, dass wir Ausländer sind. Ja dann müssten wir eine Rut haben. Natürlich haben wir eine Rut, aber mein Ausweis ist nicht mehr aktuell und Jan hat seine CEDULA Chilena als Kind schon lange nicht mehr erneuert.
Ja ohne RUT könne man nichts tun, war ihre lapidare Antwort.
Es geht ja nicht um das Verschieben von Drogengeldern, sondern um ein Jugendsparkonto, versuche ich zu erklären.
Keine Möglichkeit. Nach 15 Minuten verhandeln ziehen wir verärgert und enttäuscht von dannen. Kein Konto - wie will die Bank da Geschäfte machen.

Da ich schon dabei war Tramites (also Behördengänge) zu machen, entschloss ich mich, mein Telefon umzumelden. Ich hatte mir ein Handy gekauft, das aber nicht dem entspricht, was ich brauche und Jan hat mir mein altes Telefon aus der Schweiz mitgebracht. Nun wollte ich den Chip (eines gekauften) Telefons mit mit Pre-pago in dieses Telefon wechseln und die SIM Karte, die sich Blanca gekauft hatte, in das (chilenische) Telefon integrieren. Beide Telefone blieben still. Blockiert.
Ich ging also in das Geschäft, in dem ich das Telefon und die Sim-Karten gekauft hatte, notabene offiziell bei ENTEL selber.
"Keine Chance", erklärte mir - wenig freundlich- die Angestellte. Ich erklärte ihr das Problem. Ich wolle nicht die Gesellschaft wechseln, sondern nur die Simkarte, auf die ich schon 10.000 Pesos einbezahlt hatte, in ein anderes Telefon und das bei ihnen gekaufte Telefon mit einer weiteren Simkarte bestücken. Und ich wolle auf jeden Fall die Nummer behalten, da ich mir extra Visitenkarten habe machen lassen.
"Ja, das sehe der Vertrag (welcher - ich habe gar keinen unterschreiben) nicht vor."
Ich mache ein fragendes Gesicht.
"Nun ja, das stehe auf der Schachtel, in der dieses Telefon verkauft wurde."
Das Problem ist nur, der junge Mann, der uns das Telefon verkaufte, riss die Schachtel auf und montierte die Simkarte.
Ja, das sei halt mein Problem antwortete die Angestellte.
Schlussendlich wurde ich etwas ungehalten. Wer ihr Chef sei. Ich hätte gerne ihren Namen, ihre Rut und den Namen des Chefs.
Jaaa, ihr Chef, der sei weit weit weg.
Nein, nicht den Chef des Aufsichtsrates, sondern ich hätte gerne ihren direkten Chef.

Jetzt kam Leben in das Geschäft, nein, es wurde zunehmend kälter.
Aktion 1: Laden abschliessen
Aktion2: Schild ändern in GESCHLOSSEN
Aktion 3: Telefon nehmen und anrufen.
Nein da meldet sich keiner.
Ich habe Zeit
Nach 10 Minuten hatte die Dame endlich jemanden in der Leitung. Sie erklärte, dass da ein "Gringo" stehe, der nicht einsehen wolle, dass es sein Probleme sei, dass er ein Telefon ENTEL gekauft habe, das ihm nun nichts nutzt, da der Klingelton nicht hörbar ist, und der jetzt denChip aus diesem Telefon in ein anders montieren wolle und und und, und das gehe doch nicht....
Die Antwort habe ich logischer Weise nicht verstanden - Kurz und Knapp wurde mir beschieden ich müsse ins Hauptgebäude: Torre Entel und dort eine "Ejecutiva" konsultieren.
Zum Glück war das Hauptgebäude nicht weit weg. Dort hiess es wieder: Nummer ziehen. Empfangen wird nur nach Angabe der Telefonummer. Ich hatte die Wartenummer 57, Nummer 45 war gerade dran. Auf die Uhr habe ich nicht geschaut. Aber eine halbe Stunde war es bestimmt - als endlich 57 aufleuchtete.
Ich schildere mein Problem.
Sie nimmt beide Telefone entgegen, wechselt die Simkarten. "Es geht doch."
"So? - Aber ein Freitag ging es nicht."
Wenn es wieder nicht gehe, solle ich wiederkommen.
Sie töggelt noch etwas auf ihrem Computer.
MeinTelefon funktioniert immer noch.
Es war wohl doch mein Problem.

Und zum Schluss noch ein allgemeines Problem.
März ist der längste Monat in Chile, weil das Geld am wenigsten weit reicht. Besonders für Familien mit Kindern, denn in diesem Monat wird Schulgeld fällig, bzw Geld für die Universität, Geld für die Uniformen und Geld für Bücher, wie in jedem Monat muss man Miete zahlen und Lebensmittel und vielleicht war man (je nach Einkommen) mehr oder weniger lange in den Ferien, oder zumindest irgendwo auf dem Land. Und dann kommt noch die Steuer fürs Auto - die zu meinem Erschrecken ins Unermessliche gestiegen ist. Ich müsste für mein Auto in Santiago umgerechnet 400 Franken zahlen.
Diese Steuer, die mit einer obligatorischen Versicherung verbunden ist, muss im März bezahlt sein. Bezahlen kann man bei der jeweiligen Komune in der man wohnt, oder der man das Geld gerne geben möchte und die das Geld dann auch bekommt (für Strassenbau etc - so wird es zumindest erzählt.)
Wie gesagt: Zeit 31 Tage im März. Es werden extra Schalter (Container) auf die Strassen gestellt, dass man wirklich auch bezahlen kann.
Gestern war der letzte Tag. Bis vor vorgestern hatten ca 70% aller Autobesitzer bezahlt. Gestern lange Schlangen bis zu 50 Personan an den Schaltern, und das vom Morgen 9 Uhr bis am Abend um 18:30, da bin ich am Rathaus von Providencia vorbei.
Die Menschen warten, weil der Monat finanziell so schwierig ist, bis zum letzten Tag,
Und das geht schon seit Jahren so.
Der Fiscuss weiss doch, dass der März schwierig ist, aber man besteht darauf: im März muss bezahlt werden, und wer keine Geld hat, das Auto braucht und ohne "Permiso" erwischt wird, der bezahlt doppelt.
Staats Diener? Wer ist der Staat? Doch wohl seine Bewohner - aber hier wird "den Eseln" gedient, die Bürokratie feiert fröhliche Urständ.
Wer sagt denn, das es nicht möglich wäre, diese Steuer auch im April oder im Mai zu erheben?

Ja, manchmal werden die Menschen in Chile behandelt wir vor 150 Jahre, als der Peon - der Tagelöhner - zum Patron - dem Landbesitzer - kommen musste, mit dem Hut in der Hand, den Blick gesenkt und darum bat, etwas sagen zu dürfen.
Ob er gehört wurde, das ist noch einmal eine ganz andere Frage.