Mittwoch, 15. April 2009

Begegnungen IV oder Ein eher ungewöhnliches Osterfest

Blick auf den Pazifik bei Bucalemu

Es war Mittwoch abend. 18:00 vorbei - also nahmen Blanca und ich "once", will heissen ein einfaches Abendessen bestehend aus Brot, Wurst, Käse und Tee. Mit Miguel Camus waren wir die Woche vorher eigentlich verblieben, dass wir am Mittwoch gemeinsam zu Abendessen würden. Er würde noch anrufen um einen Termin zu machen. Das war wohl nichts. Wir waren gerade mit dem Once fertig, da klingelt mein Handy. "Hola Compadre, como estas?" Mein Freund Miguel.
Er sei etwas spät dran mit dem Abendessen, er hole uns um 20:00 Uhr ab.
Na ja, was wollte ich sagen? OK - obwohl wir gerade etwas gegessen hatten.
Um 20:10 klingelt das Telefon erneut: er sei wirklich spät mit dem Einkaufen dran, ob wir gegen 21:00 Uhr an der Metro Principe de Gales sein könnten - und von da würden wir zu ihm nach Hause fahren.
An der Metrostation wartete nicht nur Miguel sondern auch Carlos, der Torwart und Schiedsrichter mit seiner deutschen Freundin.
Schlussendlich bei Miguel angekommen hatte Paulina, Miguels Frau, bereits alles vorbereitet, so dass wir mit dem Pisco Sour anfangen konnten. Gegen 22:00 trafen die letzten geladenen Gäste ein, Miguel und Patricia.
Dieser Miguel ist Besitzer einer Terpel Tankstelle, was er noch ist, bzw. noch alles macht sollte ich am Wochenende erfahren - und das kam so:
Je später der Abend, desto dringende die Frage, wer macht was am (langen) Wochenende?
Miguel erzählte von Santa Cruz, wo er zu Hause ist, und von da sei es nicht weit zum Lago Vichuquen. "Ja - kenne ich, es ist schön da. War ich mal vor Jahren." Paulina kannte ihn nicht, Carlos und Madeleine auch nicht, und so gab ein Wort das andere. Also - abgemacht: Freitag Tagesausflug ( Hin und zurück ca 500 Km) an den See. Miguel und Patricia haben ein Haus ganz in der Nähe, wir könnten ja auch übernachten.
Abgemacht. Ich fragte noch, wie wir mit 6 Erwachsenen und 2 Kindern reisen würden. Kein Problem, meinte Miguel Camus. Es gibt ausser meinem Pickup noch einen Jeep. Freitag morgen um 7:00 gehts los.
Und übrigens: Das Haus vom anderen Miguel und von Patricia steht auf einem kleinen Fundo - und da gibt es eine Kapelle, ob ich nicht etwas für den Karfreitag vorbereiten könnte.

Freitag morgen, 7:10 Uhr klingelt das Telefon: Miguel. Paulina und die Kids brauchen noch etwas Zeit, so bis etwa halb neun.
Bis wir dann wirklich losfuhren war es 10:00 Uhr. Carlos und Madeleine kamen nicht - Carlos müsse am Samstag schiedsrichtern. Also waren wir 4 Erwachsene und 2 Kinder in einen Suzuki Vitara - Gurte und Kindersitze, was ist das?
Die Fahrt ging von Santiago über San Fernando nach Santa Cruz - und ich dachte wir seien jetzt bald da. Weit gefehlt. Die Strassen wurden immer enger und kurviger bis wir gegen 14 Uhr in Bucalemu ankamen.
Der andere Miguel erwartete uns mit seinem Nissan Pickup am "Hafen" um uns den Weg zum Haus zu zeigen. Vorher mussten wir noch Fisch und Muscheln kaufen. Der "Laden", eine Art Garage an einer staubigen Dorfstrasse war gut besucht. Mann musste warten, auch weil der Fisch frisch zubereitet, d.h. filetiert wurde. Um die Wartezeit abzukürzen gab es auf Kosten des Hauses einen Whiskey-Cola, serviert in einem Glas, das mindestens einen halben Liter Inhalt aufweist, und das von Männerhand zu Männerhand, von Kundschaft zu Fischer und umgekehrt kreiste.
Miguels Haus liegt auf seinem Fundo von ca 300 ha - alles Wald- am Meer. Von der Hauptstrasse geht es noch ca 4 Kilometer über eine "Strasse", die er vor einiger Zeit angelegt hat, über Sand, Schotter und Ton (bei Regen kein Durchkommen) zum Haus. Ein einfaches Adobe-Haus im Colono-Stil, mit einer fantastischen Sicht auf den Pazifik.

Ganz in der Nähe eine Holzhütte mit 6 Betten in zwei Zimmern. Die waren für uns.
Wasser tröpfelt aus einem Tank weiter oben, Strom gibt es nur, wenn der Generator läuft.
Auf dem Gelände erwarteten uns die Söhne von Miguel und Patricia und das "Mädchen für Alles" Queno, der in Bucalemu wohnt und morgens eine dreiviertelstunde den Strand entlang zur Arbeit läuft, und Aguja (Nadel) ein ziemlich dürrer Hund.
Das Feuer im Grill (ein altes halbiertes Benzinfass) war bald gemacht und die Weinflaschen waren noch schneller geöffnet.
Es gab Miesmuscheln mit Käse und jene Menge gebratenen Fisch.
Nach dem Essen gegen 17:30 gingen wir in die Kapelle, die Miguel vor einigen Jahren bauen liess. Ein schlichter Steinbau, mit einer Statue der Jungfrau de las Mercedes als Blickfang.



Er hat diese Kapelle bauen lassen, weil in seinem Elternhaus, unweit von diesem Ort, immer eine Jungfrau stand und die Hauskapelle sei für alle Angestellten und auch für die Taucher, die hier am Meer arbeiten, offen gewesen. Aber nach dem Tod des Vaters vor einigen Jahren habe die Mutter das Haus (an einen Nordamerikaner) verkauft, und nun gäbe es keinen Ort mehr für das Gebet.


Die Karfreitagliturgie hatte ich bewusst kurz gehalten. Begrüssung, Gebet, Psalm 22, die Verurteilung und Kreuzigung nach Johannes, Predigt, Gebet, Unser Vater, Segen, Friedensgruss.
Für Miguel und Patricia war es ganz wichtig, dass wieder einmal ein Geistlicher in der Kapelle war. Der Padre komme viel zu selten und der Cura (Priester) schon überhaupt nicht (wen wundert es, bei 450 Priestern für ganz Chile).
Es war jetzt schon fast dunkel, alle zogen los, um sich wärmere Kleidung anzuziehen, als jemand auf die Idee kam, man könne doch Jaivas (Krebse) fangen gehen. Also zogen wir "bewaffnet" mit einem entsprechenden "Haken", Eimern und Taschenlampen los.
Aber die Krebse müssen uns wohl belauscht haben - wir fingen nicht einen.
Den Rest des Abends verbrachten wir im Gespräch und hier erfuhr ich vom grossen Brand vor einigen Jahren, als ein Teil des Waldes verbrannte und Miguel Eukaplyptus pflanzte. Heute findet er das keine gute Idee mehr, denn der Eukalyptus wächst zwar schnell (nach 8 Jahren kann "geerntet" werden, bei Pino Oregon sind es immerhin 20 Jahre), aber er braucht viel Wasser, und wenn das Jahr so trocken ist, wie dieses, dann gibt es in der Lagune, aus der er das Wasser für das Haus bezieht, wenig Wasser.
Ausserdem macht Miguel Wege, reisst Häuser ab, führt Holz, Sägespäne und Sand. Das Geschäft scheint nicht schlecht zu gehen, wenn er drei Söhne auf der Universität in Santiago hat. Denn das ist in Chile alles andere als billig.
Irgendwann war Zeit zum Schlafen. Kalt war es geworden. Im Dunklen gingen wir in unsere Hütte. In der Toilette brannte bereits Licht (3 Kerzen auf einem Kerzenständer) und das Bett hatten wir schon vorher- bei Tageslicht- gemacht.
Zum Glück hatte uns Patricia noch eine Schafwolldecke ( die wog mindestens 8 Kilo) mitgegeben, so dass wir unter 4 Decken nicht frieren mussten. Der Vollmond leuchtete ins Zimmer und die Wellen brandeten gegen die Küste. Eher ungwohnte Beleuchtung und noch ungewohnter die Geräusche.
Den Samstag gingen wir langsam an: Ausgedehntes Frühstück mit Pan amasado, Tee, Marmelade, Rührei und viel Zeit. Ich überlegte mir, wann wir wohl nach Santiago zurückfahren würden. Es waren so keine Anzeichen da - und als Miguel die erste Weinflasche aufmachte, begann ich zu realisieren, dass es sicher erst am späteren Nachmittag sein würde, also: Spaziergang am Strand, am ehemaligen Herrenhaus vorbei und dann in den Wald (immer auf die Himmelsrichtung achten - wir müssen wieder zurück zum Meer).
Als wir gegen 14:00 Uhr zurückkamen, wurde gerade Feuer unter dem Grillrost gemacht. Von zurück nach Santiago keine Spur. Gegen halb drei fuhr der Hausherr die Wurst und das Fleisch auf - kiloweise. Jetzt wurde mir langsam klar: Santiago - heute kaum mehr, und das bestätigte sich als zum Aperitiv Caipirinha, ein Mixgetränk aus Zuckerrohrschnaps und Zitronen, aufgetischt wurde, aber in Gläsern für Erwachsene. Das Mittagessen dauerte bis 17:00 Uhr. Schon am Vormittag hatten die (kleinen) Kinder angekündigt, sie würden gerne reiten. Darauf waren Miguel und Queno irgendwann einmal losgezogen und hatten Pferde gesucht. 3 konnten sie finden. Während des Mittagessens wurden sie dann von einem der Söhne Miguels gesattelt und am späten Nachmittag ging es dann los, auch Blanca entdeckte ihre Kinderseele und ritt aus.




Die Uebrigen versuchten sich später dann noch einmal mit den Krebsen - auch heute ohne Erfolg.
Den Abend verbrachten wir im Wohnzimmer des Hauses. Im Kamin brannte wie schon gestern ein Feuer, und Kinder, Jugendliche und Erwachsene spielten gemeinsam ein Ratespiel, das sich mehr als eine Stunde hinzog, vielleicht waren es auch zwei - und alle amüsierten sich. Es bleibt einem auch nichts anders übrig als miteinander, sozusagen in der Familie, etwas zu unternehmen. Das grosse Zimmer ist das einzig warme Zimmer und es gibt Licht. Zwar gibt es auch in anderen Zimmern Licht, aber wenn alle Glühbirnen brennen ist das schon ziemlich viel für einen kleinen Generator, von Radio, Stereoanlage oder Fernseher ganz zu schweigen. Also sitzt man zusammen.
Manchmal denke ich, der "Zerfall" der Familie als gemeinsames Unternehmen begann mit der Erfindung der Glühbirne, von da ab konnte sich jede(r) in einen einen Winkel und später dann Raum zurückziehen.
Bevor sich in Bucalemu alle zurückzogen gab noch eine wärmende Muschelsuppe nachts um halb 11 Uhr.
Am Sonntag ging es dann wirklich nach Santiago, nach dem Frühstück, nach dem von mir gestalteten Ostergottesdienst und nach dem Eiersuchen.


Um 12 Uhr standen wir auf der Hauptstrasse vor den Toren des Fundos. Doch nach 2 Kilometern war die Hauptstrasse wegen Bauarbeiten gesperrt, mindestens 15 Minuten war die Auskunft - und weiter vorne käme noch einmal eine Baustelle mit Totalsperrung.
Also Gegenrichtugn einschlagen. Doch auch hier dauerte das Glück nur wenige Kilometer, bis wir wegen einer Strassensperrung 10 Minuten warten mussten.
Gegen 15:30 waren wir wieder in Santiago, ohne weitere Staus, ohne weiter Probleme. Die Staus kamen erst am späten Abend als die übrigen 249.999 Autos nach Santiago zurückkamen, die nach Schätzung der Polizei über Ostern die Stadt verlassen hatten.
Den Saldo der Karawane erfuhren wir am Montag in denNachrichten: 22 Tote, die meisten von ihnen Fussgänger, die die Auobahn überqueren wollten.
Manche Fussgänger haben sich noch nicht daran gewöhnt, dass eine vierspurige Autobahn keine Hauptstrasse ist, auf der man, aufgrund vieler Schlaglöcher nicht schneller als 70 km/h fährt. Die neuen Autobahnen sind schnell - und teuer. Der "Ausflug" hat allein an Mautgebühren ca. 20 Franken gekostet. (Nur zu Erinnerung: "unsere Autobahnvignette kostet für ein Jahr auf allen schweizer Autobahnen 40 Franken.)
Ach ja - zum Lago Vichuquen sind wir nicht gekommen. Dafür war zwischen Gesprächen, ausruhen, essen, spazierengehen, reiten und Krebse fangen die Zeit zu kurz.