Mittwoch, 29. April 2009

20. vs 21. Jahrhundert und die Herausforderungen für die Kirchen in Europa

das war das Thema, zu dem Reinaldo Tan vom Centro de Investigaciones socio culturales CISOC - Bellarmino mit mir diskutieren wollte. Etwas zögerlich hatte ich zugesagt und ohne recht zu wissen, auf was ich mich da einlassen würde, denn schlussendlich sassen wir gestern im Büro von CISOC, das mitten im Zentrum Santiagos in der Jesuitischen Universität Alberto Hurtado untergebracht ist, und um den Tisch war das ganze CISOC Team angefangen beim Godfather der chilensichen Religionssoziologie Padre Renato Poblete bis zum baptisitschen Polizeipfarrer der KRIPO versammelt war.
Es war nicht ein gross ausgearbeitere Vortrag den ich da ablieferte, aber in der Vorbereitung wurden mir doch ein paar Themen und Herausforderungen für unsere Kirchen - fast weltweit zumindest aber für Mitteleuropa und die Schweiz - bewusster. Themen, über die in den einen Kirchen mehr in den anderen weniger gearbeitet wird, die aber in ihrer Tragweite viel breiter bewusst gemacht werden müssten.
Ausgangspunkt war, dass das beginnende 21. Jahrhundert ganz anders ist als das ausgehende 20. Jahrhundert. Das lässt sich meiner Meinung nach an (mindestens) 12 Punkten festmachen:
1. Glasnost, Perestroika, der Fall der Berliner Mauer und die Oeffung des "Eisernen Vorhangs" haben nach dem Ende der UdSSR Europa nachhaltig verändert
2. Der gemeinsame Markt und der Euro veränderten Europa, aber brachten nicht die Ungleichheit in Europa zum verschwinden und das Kapital sucht innerhalb der europäischen Grenzen die Länder, in denen sich mit biliger Arbeit das meiste Geld verdienen lässt (Beisp. Nokia verschiebt die Produktion von Deutschland nach Ungarn)
3. Die zunehmende Globalisierung geht auch an Europa nicht spurlos vorbei, auch nicht die globale Krise. Europa ist nun wirklich Teil der ganzen Welt
4. Eine Auswirkung der Globalisierung sind die Flüchtlingsströme die an die Küsten Europas, vor allem Italien und Spanien, aber auch in die Schweiz und nach Deutschland gespült werden, und in einigen Ländern macht sich eine Festungsmentalität breit, in der die Asylsuchenden weggesperrt oder weitergereicht werden.
5. Die zunehmende Militärisierung Europas ist bis ins tägliche Leben spürbar: deutsche, englische, französische, polnische Soldaten kämpfen in Irak, Afghanistan, Pakistan, Somalia und im Kongo. Deutschland, in dem nach 1945 im übertriebenen Sinn selbst das Brotmesser verboten war, ist zu einem der wichtigsten Waffenlieferanten der Welt "aufgestiegen" und die Denkmäler für die Gefallenen der beiden Weltkriege, die für lange Zeit eher ein "folkloristisches Ueberbleibsel" einer längst vergangen Zeit zu sein schienen, bekommen neue Tafeln mit den Namen der "Gefallenen" im Kampf gegen den Terrorismus.
6. Die Auswirkungen der '68ziger sind besonders in den Kirchen spürbar. Die Hippies und "Revolutionäre" sind in die Jahre gekommen unn ruhiger geworden, der laute Protest gegen Hierachie und Kirche ist ganz leise geworden, abgestimmt wird mit den Füssen, bzw nun endgültig mit dem Kugelschreiber: "Hiermit trete ich aus der Kirche aus" - und es sind nicht nur die "alten", sondern ihre inzwischen erwachsenen Kinder, die erst gar nicht zur Kirche gekommen sind und konsequenterweise auch ihre Kinder nicht schicken. Es fehlt in den Kirchen eine Generation von denen, die am lebendigsten, am kritischsten und am kreativsten waren, bzw. sind. Atheismus und Agnostizismus werden in unseren Gesellschaften immer deutlicher.
7. Dazu kommt der Islam als Herausforderung für Religion/Kirche und Gesellschaft. Es gilt den Dialog zu fördern und gleichzeitig zu fragen, wo sind die Grenzen dieses Dialogs. Dem aber fehlt auf islamischer Seite oft das Gegenüber und in unserer toleranten (oder indifferenten?) Gesellschaft der Wille.
8. In Europa lässt sich in einigen Gebieten ein Ansteigen des Nationalismus feststellen, der dann gefährlich wird, wenn er gepaart wird mit dem Gefühl dass "wir" besser sind und mehr Rechte haben als die anderen: ein explosives Gemisch besonders in Zeiten erhöhter Arbeitslosigkeit.
9. Die Schere zwischen arm und reich geht auch in Europa immer weiter auf, vielleicht in der Schweiz nicht so spürbar sehr wohl aber z.B. in Deutschland und in England.
10. Das Selbstbild der Geschlechter, die Rolle der Frau, die Rolle des Mannes haben sich in den letzten 30/40 Jahren grundlegend verändert, mit der (den) neuen Rolle der Frau hat sich auch die des Mannes geändert und nicht wenige Männer sind verunsichert, wo ihre Aufgabe ist.
Hinzu kommt, dass Bild und Rolle der Ehe und der ehelichen Gemeischaft und Familie sich verändert haben, was wiederum ein stückweit auch die Grundlagen der Gesellchaft verändert.
11. Das Wachstum oder das Eindringen neuer Formen der Spiritualität in die Gesellschaft (und in die Kirche) verändert Bild und Rolle derselben. Welche Formen (yoga, reiki, zen) können wir aufnehmen, wo sind Grenzen?
12. Die Entwicklung der multikulturellen Gesellschaft verändert auch die Rolle der Kirche(n), was dahin führen kann, bzw. schon dahin führte, dass die Kirchen, die lange Zeit eine Mehrheit in der Gesellschaft bildeten und das tägliche Leben bis hin zur Politik bestimmten, nun zu Minoritätskirchen wurden bzw. werden könnten und zum Teil bereits in einer Diaspora-situation leben müssen.

Soweit ungeordnet die 12 Punkte und an jeden kann man die Frage anschliessen: Was heisst das für unsere Kirche? Wobei ich klar unterstrich, dass es hier nicht um eine Unterscheidung von evangelischer(n) oder oder katholischer Kirche gehen kann. Es sind Themen, die uns als Christen und als christliche Gemeinschaft, die in verschiedenen Kirchen organisiert sind betreffen, und wo es nötig ist, wenn nicht letztgültige Antworten - die gibt es innerhalb einer dynamischen Gesellschaft und einer gesellschaftlichen Dynamik nicht - so doch vorläufige Antworten und Richtungen zu finden, damit die Zukunft des Erdballs , die Zukunft in einer Schöpfung, die für alle gedacht ist und in der für alle Menschen Platz ist, ermöglicht werden kann.